Claudia am 28. Dezember 2010 — 5 Kommentare

Über das Altern: Verluste und Gewinne

Alt werden verbinden die meisten Menschen mit dem körperlichen Verfall: allerlei Zipperlein stellen sich ein, die Figur verändert sich (noch weiter) weg vom jugendlichen Ideal, das Gesicht wird faltiger und die Kräfte lassen nach. Ein paar chronische Krankheiten kommen hinzu und am Ende vegetiert man als Pflegefall im Heim – wenn man nicht grade Helmut Schmidt heißt und als Hoffnungsträger der rauchenden Klasse fröhlich die nächste Zigarette in die Kamera hält.

Da es der Zeitgeist erfordert, “for ever young” zu bleiben, ist niemals die Rede davon, dass sogar der so sehr gefürchtete physische Abbau seine zwei Seiten hat: wo die Wachstumskräfte nicht mehr nach außen drängen, wo jede kleine Wunde länger zum heilen braucht und blaue Flecken langsamer schwinden, da wird auch deutlich mehr gespürt. Unsere Umwelt überschüttet uns fortwährend mit weit mehr “Daten”, als wir bewusst wahrnehmen, doch weitet sich das Feld des Wahrnehmbaren deutlich aus, wenn man anfängt, ein bisschen zu “schwächeln”. Dass jemand laute Musik nicht mehr toll findet, heißt auch, dass er für leise Töne empfänglicher geworden ist – komisch eigentlich, dass solche Benefits späterer Jahre nicht geschätzt werden.

Ein Kampf auf verlorenem Posten

Die geweitete Wahrnehmung ist allerdings nur nutzbar, wenn man sie nicht selber mutwillig verengt, also nur immer panisch auf irgendwelche negativen Sensationen schaut: hier eine Verspannung, da eine neue Falte, dort eine bisher ungekannte Störung – oh Himmel, es geht bergab mit mir! Menschen um die 40 realisieren mit Grauen, dass auch das EIGENE Leben endlich ist, beobachten besorgt die ersten Anzeichen am eigenen Leib und arbeiten verstärkt dagegen an. Lieber gar nicht dran denken, dass der Kampf letztlich doch verloren geht, egal, wie viel Energie man in Fitness und den Erhalt äußerer Attraktivität investiert. Jung bleiben, dran bleiben, bloß nicht den Kontakt zum “Angesagten” verlieren, wird gesellschaftlich als oberster Wert der “neuen, jungen Alten” kolportiert – die natürlich auch nicht mehr “alt” sind, sondern “Senioren” oder “BestAger” heißen.

Von sich absehen können

Genau dieses gegen das Altern Anstrampeln ist es aber, das die Sicht auf die Früchte verstellt, die man im Alter ernten könnte. Nämlich die Freiheit, nicht mehr überall “dabei sein” zu müssen, die wachsende Unabhängigkeit vom Urteil anderer, das sich abzeichnende Austreten aus dem “Stress des Werdens” – und vor allem die Gelassenheit, von sich absehen und den Blick auf Andere richten zu können: nicht mehr als Objekte des Begehrens, deren Begehren man begehrt, sondern als Suchende, die noch angestrengt nach Dingen streben, die man selber gar nicht mehr braucht.

So wünsche ich mir, im Zuge des Alterns immer mehr von mir absehen zu können. Und wenn ich den Jungen etwas raten sollte, was sie “zur Altersvorsorge” jenseits des Materiellen tun können, wäre es immer derselbe Rat: Tut, wonach Euer Herz sich sehnt und verschiebt es nicht auf “irgendwann später”! Dann habt Ihr “später” den Kopf frei und müsst nicht fürchten, Euer EIGENES Leben versäumt zu haben.

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Bild: ©Gerd Altmann / pixelio.de

Diskussion

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5 Kommentare zu „Über das Altern: Verluste und Gewinne“.

  1. Zum Gedanken ‚Lebensgestaltung‘ ein kleiner Beitrag meinersets:
    Neulich morgens, beim aufwachen, gingen mir plötzlich die Zahlen 6,4 – 4,6 durch den Kopf und mir kam ein innerliches Lächeln, als ich feststellte, dass vergangenes Jahr zu Ende gehen musste,
    bis ich endlich darauf kam, dass mein gegenwärtiger Jahresring eine besondere Qualität aufweist.
    (Bin 64, Jahrgang 46) Ich habe mich dann noch ein wenig weiter in die Zahlenmystik hineingeträumt und das ganze als sehr stimmig empfunden.
    Anstatt auf die zunehmend hohe Zahl der Geburtstage zu fokussieren, kann es recht heilsam sein, sich mal auf diese andere Weise mit den Zahlen zu befassen.
    Jedenfalls nehme ich nun diese interessanten Zahlen mit Vergnügen ins neue 2011 mit hinein, bis zu meinem nächsten Geburtsag – und das ist noch lange hin…

  2. […] will ich da ein wenig gegen den herrschenden Jugendwahn anstinken! Zum Beispiel mal ganz andere Bilder alter Menschen zeigen, die ihren eigenen Stil gefunden haben und […]

  3. hallo, mylo

    64, das ist ein gutes alter. und mit der zahlenmystik beschäftige ich mich auch hin und wieder.
    bei mir ist ein bisschen anders:
    am 7.2. werde ich 72
    2 – anpassungsfähig, taktvoll, verständnisvoll, sanft, vorsichtig.
    7 – philosophin, schriftstellerin, dichterin, mystikerin, ruhig, unabhängig, originell, introvertiert, intuitiv, analytisch, inspiriert, zurückgezogen. ziele werden auf scheinbar magische weise erreicht…

    bei dir
    6 – gewissenhaft, harmonie, wahrheit, familiär, gesellschaftliche verantwortung, dienst, liebe, mitgefühl, rat, kreativität und heilung.
    4 – stabilität, arbeit, konstruktion, ausdauer, disziplin, praktische fähigkeiten, ordnung.

    und was fangen wir nun damit an, liebe mylo? wir kennen uns vom schreibseminar. ich schaue gleich mal.

    schöne grüsse an dich,
    rosadora

  4. […] Klinger, die in Berlin lebende Blogautorin, setzt sich dort zusammen mit ihren Lesern mit den Fragen des Alters auseinander. […]

  5. Oh Rosadora, das freut mich sehr, Deine kleine Verwechslung (habe nie an einem Schreibseminar teilgenommen :-) zumal ich Dein wunderschönes Blog schon wiederholt bewundert und genossen habe. Danke auch für die Anregung in Sachen Zahlen!
    Was wir damit anfangen? Vielleicht noch ein paar neue weitere Aspekte hinzuleben? Und dann??

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