Claudia am 28. November 2010 —

Die Angst vor dem Altern – eine kollektive Neurose

Da schreibt mir ein alter Bekannter auf die Frage, wie es ihm geht:

“Es kommt jetzt das Schröckensgespinst “Alter” mit größeren Schritten angelaufen, lässt sich nicht mehr
leugnen. Aber davon abgesehen ist alles schön.”

Eigentlich ein ganz normaler Satz – und gerade deshalb stutze ich und bin wieder mal ein wenig erschüttert, wie sehr das Alter doch in Verruf ist. In diesen jugendwahnsinnigen Zeiten erscheint es als absoluter GAU, als finales Stranden in einer Art Hölle, an die man lieber gar nicht erst denkt, vielleicht in der irrationalen Hoffnung, es werde einen nicht treffen. Ähnlich wie Kinder, die die Hand vor die Augen halten und meinen, dann nicht gesehen zu werden.

Na klar, in einer Welt, in der die äußere Erscheinung in Gestalt glatter Jugendlichkeit mehr und mehr zum obersten Wert wird, in der Gesundheit und Fitness als Bringschuld gelten und jegliche Zeichen körperlichen Verfalls als Versagen angesehen werden, wundert es nicht, wenn viele von der schieren Schreckensstarre ergriffen werden, sobald die ersten weißen Haare sich zeigen.

Aber muss man sich dem unterwerfen? Verengt es nicht den Blick ganz gewaltig, immer nur auf das zu schauen, was entschwindet, anstatt auf das, was zugewonnen wird? Ist es nicht sogar so, dass dieser Zugewinn verunmöglicht wird, wenn allzu sehr darum gekämpft wird, möglichst lange mit den Jungen auf ihren Gebieten mithalten zu können? Immer mehr legen sich unters Messer, um sich straffen zu lassen: Gesicht, Bauch, Beine, Po, da muss das Fett weg und die Falten – was aber ist mit dem Herzen, mit dem Geist?

Geistige Unabhängigkeit

Gilt doch nichts, denken jetzt bestimmt einige. Es ist aber gerade das Wesen und die Freiheit im zunehmenden Alter, dass es immer weniger darauf ankommt, wie die Allgemeinheit über etwas denkt. Das krampfhafte Bemühen, etwas zu gelten, jemand Besonderer zu sein, den eigenen Platz zu finden und von dort aus weitere Eroberungen zu machen, ist der typische Stress der Jugend. Voller Ehrgeiz streben sie nach Erfolg, Macht, Einfluss, Besitz – oder konstruieren sich als Rebellen gegen diese “etablierten Werte”, was nicht weniger anstrengend ist.

Wie schön, wenn man in diesem Laufrad nicht mehr strampeln muss! Nicht, dass man sich in eine Einsiedlerhütte zurück zieht, bewahre – aber das tägliche Streben wird doch bedeutend spielerischer, wenn man schon einiges hinter sich hat. Humor, Gelassenheit, Freiraum für spontanes Handeln, wachsende Liebe zu allem Lebendigen befreit von den Scheuklappen, die den Blick stets auf die Erreichung irgendwelcher Ziele konzentrieren, die meist in der Zukunft liegen. Eine Zukunft, deren Eintritt man als Jugendwahnsinniger eigentlich nur fürchten kann – was für eine Ver-rücktheit!

Manchmal denke ich, diejenigen Älteren, denen die Angst vor dem Alter so sehr im Nacken sitzt, haben vielleicht gar nicht gelebt. Jedenfalls nicht ihr eigenes Leben, sondern immer nur das, was vom Umfeld erwartet wird. Dann tritt natürlich mit den sichtbaren Alterserscheinungen die “Torschlusspanik” ein: auf einmal wird klar, dass man Leben nicht auf “später” verschieben kann, denn irgendwann ist es ja tatsächlich ‚rum!

Die beste Altersvorsorge ist deshalb, das Leben hier und jetzt in vollen Zügen zu genießen, womit ich jetzt keine Wellness-Aktivitäten meine, sondern das Ausleben des eigenen Wesens in seiner Ganzheit. Das kann auch mal Leiden bedeuten, aber es sollte das eigene Leid sein, nicht eines, das man meint, ertragen zu müssen, weil der Mut fehlt, der eigenen inneren Stimme zu folgen.

Altern kann dann sogar ziemlich spannend sein!

Was meint Ihr?

Diskussion

Kommentare abonnieren (RSS)
4 Kommentare zu „Die Angst vor dem Altern – eine kollektive Neurose“.

  1. ich weiss nicht so recht, was mich an deinen artikeln so wütend macht, claudia.
    mal sind es die unterstellungen, dann die vermutungen, die beschreibungen des alters, das du meinst und selbst noch nicht erreicht hast – also vom standpunkt des mittelalters aus.
    hier deine sätze:
    ´ Manchmal denke ich, diejenigen Älteren, denen die Angst vor dem Alter so sehr im Nacken sitzt, haben vielleicht gar nicht gelebt. Jedenfalls nicht ihr eigenes Leben, sondern immer nur das, was vom Umfeld erwartet wird. Dann tritt natürlich mit den sichtbaren Alterserscheinungen die “Torschlusspanik” ein: auf einmal wird klar, dass man Leben nicht auf “später” verschieben kann, denn irgendwann ist es ja tatsächlich ‚rum!

    die angst vor dem alter ist allgegenwärtig, ist vielleicht im mittelalter mehr verbreitet als im alter. siehe liften, spritzen, schneiden, auspolstern und saugen und vieles mehr… mit 70 siehst du davon ab – aus unterschiedlichen gründen.

    das alter ist nicht in verruf – es ist der helle wahnsinn.
    ´Das krampfhafte Bemühen, … ist der typische Stress der Jugend.´
    bis zum tode wollen sie etwas haben, etwas darstellen, etwas sein.
    da kommt frau schlecht gegen an, jemandem weis zu machen, dass innere werte jetzt dran seien. das ist sehr individuell und muss schon in jungen jahren angelegt werden. dann(im rentenalter) kann ich endlich machen, was ich will, ist nicht.
    es geht nur darum, selbst eine form zu finden.

    ´die beste altersvorsorge ist…`, da sprichst du wieder aus deiner perspektive.
    was ist das, ´das ausleben des eigenen wesens in seiner ganzheit´?

    altern kann schon zu teilen spannend sein, neben all dem, was auch noch ist, und dem, was nicht mehr geht.
    mein motto, WENN ICH EINST ALT BIN, TRAGE ICH MOHNROT. ich trage es schon lange – also bin ich alt.

    mir kam dieser tage zum altwerden, die bedeutung des ´werdens´ deutlich hervor. werden ist ein prozess, der sich vollzieht bis zum letzten tag. also ein verwandlungsprozess – alles ist in bewegung.
    er verläuft sehr unterschiedlich und das bewusstwerden ist eine gnade (aus grossem bemühen erwachsen) und das akzeptieren dieses prozess im wesentlichen davon abhängig.

    ich schreib dir noch das ganze gedicht, ich finde, es ermuntert und verzaubert ein bisschen:

    Wenn ich einst alt bin
    trage ich Mohnrot
    weil ich das Brennen nicht missen möchte
    in meinen Gliedern
    in meinem Herz
    Einen grossen Hut
    der weit auslädt
    und das Gesicht anmutig verschattet
    Ich werde stolz sein
    wenn die Leute hinter mir tuscheln:
    Da geht die verrückte Alte mit ihrem Hut
    Vieles werde ich nicht mehr machen
    Zuhören zum Beispiel
    wenn ich nicht mag
    oder bleiben wenn es mich langweilt
    nicht mehr fächeln
    mit höflichen Floskeln
    sondern sagen wie es mir ist
    Vieles aber
    will ich noch tun
    Rutschbahn fahren mit meinem Enkel
    rumpurzeln im Heu
    und lachen dazu
    Leute ansprechen
    im Tram auf der Strasse
    die mir gefallen und fragen
    wie geht’s?
    Zeit mir nehmen für einen Schwatz
    im Blumenladen die Ansicht
    der Gärtnerin kennen lernen
    über Jahreszeiten und Sträusse
    Reisen
    ein Weingut suchen im Herz der Toskana
    weil mir das Etikett auf der Flasche gefiel
    An die Nordsee fahren
    weil ich Sehnsucht habe
    nach grauen Stränden und frischem Wind
    Was mir so einfällt
    ein Nachtspaziergang
    Düften folgen
    und fliegen lassen Bänder im Wind
    Unbekümmert und barfuss
    lauf ich ins Grab

    Elisabeth Schlumpf
    Aus: Wenn ich einst alt bin … Kösel Verlag 2003.

    es grüsst dich herzlich
    rosadora – eine verrückte alte

  2. Liebe Rosadora,

    schön, dass du hergefunden hast! Und danke für den umfangreichen Beitrag! Seltsam finde ich, dass dich mein Artikel „wütend macht“, denn was du selbst dann über dein Altern schreibst (und auch das gute Gedicht) sagen nichts anderes als das, was ich meine mit: „ausleben des eigenen Wesens in seiner Ganzheit“. Und dass man nicht erst im Rentenalter anfangen kann, „zu machen, was man will“, sondern auch im Leben bis dahin nicht nur nach den Werten Anderer leben sollte, das schreibst du selbst – und das habe ich auch gemeint mit dem „nicht das Leben anderer Leben“.

    Ich sehe einfach keine Dissense zwischen unseren Haltungen zum Alter. Gerne würde ich auch mohnrot tragen, aber ich glaube, dafür bin ich nicht schlank genug! :-)
    Sei herzlich gegrüßt!

    P.S. ich habe gerade den Kösel-Verlag per Mail angefragt, ob das Gedicht stehen bleiben darf.

    Update 15.17 Uhr: Der Kösel-Verlag hat schnell geantwortet und dankenswerterweise gestattet, dass das Gedicht stehen bleibt! Sehr nett! Deshalb hier gleich mal ein Link zur Verlagsseite des Buches, dem das Gedicht entnommen ist:

    Wenn ich einst alt bin – Elisabeth Schlumpf – Kösel 2003
    (über diese Seite kann man das Buch bei unterschiedlichen Anbietern bestellen!)

  3. Hallo Claudia,

    ein schönes Blog, das du hier ins Leben gerufen hast – Kompliment. Für mich deshab schön, weil ich mich kurz vor der letzten Lebensphase, dem Alter, befinde. Neulich hatte ich mir auf meiner Internetseite zu diesem Thema auch Gedanken gemacht. „Gedanken nach der Lebenmitte genannt“, hieß der Artikel.

    Warum ich dir heute schreibe? Ich führte heute zwei Gespräche, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Zwei Frauen, beide 61, beide seit mehreren Jahren verwitwet. Die Eine war voll Mitleid mit sich selbst. 61, sie sehe zwar noch, verglichen mit anderen Frauen, gut aus. Aber hier ein Polster, dort eine Falte und alle vier Wochen müsse sie zum Frisör, den Ansatz färben lassen. Und überhaupt, kein Mann würde sich mehr für sie interessieren. Überhaupt war frührer alles besser. Ich sag‘ dir, das Gespräch war derart anstrengend, dass ich ihr am liebsten gesagt hätte: „Wenn Sie nicht alt werden möchten, müssen Sie früh sterben. Sie haben die Wahl“. Hab‘ ich natürlich nicht. Aber hätt‘ ich gern.

    Die andere Frau, sie war voll Dankbarkeit. Ihren Mann hatte sie 8 Jahre nach seinem Schlaganfall gepflegt. Nach dessen Tod ihre Mutter, die inzwischen in einem Pflegeheim lebt.
    Die freie Zeit nutzt sie nun um zu leben, so hat sie mir es erzählt. Sie besucht Kurse an der Volkshochschule, Kunst und Philolosophie, singt wieder im Chor und ist nach einer langen Pause wieder in den Karnevalsverein eingetreten. Dieses Gespräch hat richtig Spaß gemacht.
    Mit 61 bin ich doch noch nicht alt – oder? Das war ihre letzte Frage. Nun, ich konnte ihr die Frage nicht beantworten. Aber vielleicht wissen du und deine Leser eine Antwort.

    Ich selbst wurde vor einigen Tagen 58 und ich glaube, ich habe mich noch nie so jung gefühlt wie derzeit, auch wenn mir jeden Morgen ein anderer Knochen wehtut und es eine Weile dauert bis ich richtig in die Gänge komme.

    In einem meiner beiden LEITZ-Ordnern habe ich ein schönes Zitat gefunden. Ich glaube es passt ganz gut auf deine Seite:

    Wenn wir alt werden, verkriecht sich die Schönheit nach innen

    Nun, jeder kann es für sich interpretieren. Meine erste Gesprächspartnerin meinte trocken: „Man könnte auch sagen, ab jetzt ist man hässlich“. Ok….

    Gruß aus Mannheim
    Christa Schwemlein

  4. […] den Fragen des Alters nach zu gehen. Meinen Senf habe ich dort auch schon hinterlassen. Als ich meinen Kommentar heute noch einmal las war mein erster Gedanke: Hoffentlich werde ich mit dem Beitrag hier nicht […]