Claudia am 11. April 2011 — 4 Kommentare

Die Macher-Philosophie ablegen: Würde und Diskriminierung im Alter

Auf TT.com ist ein sehr lesenswertes Interview mit dem Ethiker und Gerontologen Heinz Rüegger erschienen. In „Dem Alter mehr Würde geben“ ist von den verschiedenartigen Diskriminierungen des Alters die Rede. Als da ist

  • „Age­ismus“ – eine gesellschaftliche Haltung, die das Alter als störend ansieht. Alte sollen sich möglichst jugendlich geben, um noch gesellschaftlich akzeptiert zu werden; Maßstab der „Normalität“ sind die Kompetenzen des mittleren Alters (gesund, fit, leistungsstark), was alle Älteren zu defizitären Existenzen herab würdigt;
  • Unergonomische Technik: viele Produkte sind „altersfeindlich“ gestaltet und verpackt. Bei schwindender Feinmotorik können sie von Alten nicht genutzt werden, was der Selbständigkeit abträglich ist;
  • Diskriminierung im Gesundheits- und Sozialwesen: bestimmte Therapien werden Hochbetagten verweigert. Und es gilt zu Unrecht als „normal“, im Alter zunehmend unter Schmerzen und Despressionen zu leiden;
  • Diskriminierung in Heimen und Anstalten: nicht mal ausreichende Versorgung mit Essen ist gewährleistet, von all den schlimmen Zuständen und Bevormundungen ganz zu schweigen, von denen wir immer wieder lesen müssen.

Eine Kultur der Zärtlichkeit?

Rüegger fordert, Alte ernst zu nehmen, was vor allem bedeute, sie in ihrem Wunsch nach Autonomie ernst zu nehmen, ihnen also nicht alles abzunehmen, obwohl sie noch vieles selber können. Man müsse im übrigen wegkommen von der Wellness-Fitness-Ideolgie und – nicht nur bezüglich alter Menschen – mit den Schwächen und Verletzlichkeiten in uns allen anders umgehen. Eine neue „Kultur der Zärtlichkeit“ würde allen nutzen: auch ein Manager dürfe dann mal weinen.

Also weg vom „Macherwahn“ – eine Forderung, die ich nur unterschreiben kann. Aber WIE SCHWER wird das in einer Gesellschaft, in der zunehmend nur Leistungsfähigkeit und ein attraktives Äußeres zählen?

Diskussion

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4 Kommentare zu „Die Macher-Philosophie ablegen: Würde und Diskriminierung im Alter“.

  1. Ich frage mich, angeregt durch den Artikel auf TT.com, wieso man immer wieder darauf abhebt, daß das Alter noch etwas ganz Besonderes für uns in petto hat? Das kann so sein, muß es aber nicht. Und zudem hat jedes Alter seine Chancen oder vielmehr: In jedem Alter können besondere Erfahrungen gemacht werden.
    Wieso schielt man (gern) aufs Alter und sagt, daß da Zugewinne eingefahren werden können?
    Wenn tatsächlich Zugewinne passieren, dann ist es immer individuell – und dann hat die Person vermutlich auch Zugewinne in anderen Lebensphasen schon für sich realisiert.

  2. Chancenlos!
    Wenn sich Menschen aus unserer Mitte über die Roheit der Jugend (was ich so pauschal nicht erkenne) beklagen, sehe ich mich genötigt wie folgt darauf zu antworten: „Diese Jugend ist nicht Produkt ihrer selbst, sie ist Ergebnis unserer Erziehung und unserer Ausgestaltung der Gesellschaft.
    Wenn sich Hochbetagte, also Menschen über 80 Jahre, über die
    Diskriminierung und mangelnde Würde im Alter beklagen, dann sind dies genau die Personen, die vor 20 / 25 Jahren maßgeblich unser Gesellschaft geprägt haben. Wir sind, im Gegensatz zur Jugend, das Produkt unserer selbst! Diese Hochbetagten ernten nur das was sie gesät haben.
    Darüber müssten wir uns die allergrößten Sorgen machen. In den letzten drei Jahren habe ich mehr als 1000 Personen zum Thema „Älterwerden“ kontaktiert. Wenn wir in 20 Jahren das ernten, was die verantwortliche Generationen derzeit sähen….. Dazu soll sich jeder seine eigene Antwort geben. Wo und wie soll eine Kultur der Zärtlichkeit oder Rücksicht gegenüber den Schwächeren entstehen, wo keiner bereit ist, auch nur den kleinsten Beitrag dazu einzubringen. Die Chancen für einen
    gesellschaftlichen Grundkonsenz der Ethik, Menschlichkeit, Solidarität, Humanität etc. sind für Jahrzehnte verpaßt!!. Was bleibt, die Möglichkeit im kleinsten Kreis, z.B. einer Patenschaftsgemeinschaft von 6 – 8 Personen zu retten was zu retten ist.

  3. @Manfred:

    so negativ sehe ich das nicht! Es sind eine Menge älterer Menschen bereit, mehr als nur „einen kleinen Beitrag“ zu leisten, um das Los von Gebrechlichen, Alten, Kranken und anderen Hilfsbedürftingen zu lindern. Das klassische Ehrenamt wird schwerpunktmäßig immer schon von 50plus, 60plus, 70plus getragen – erst in den letzten 10 Jahren bemüht man sich überall heftig, den Altersdurchschnitt zu senken und mittels anderer Organisationsformen (weniger Vereinsmeiere etc.) Jüngere einzubinden.

  4. @Gerhard
    ich finde du interpretierst den „Zugewinn“nach Leistung, so war es aber meinesw Erachtens in dem Artikel nicht gemeint.
    Zugewinn kann auch heissen, dass man zwar gebrechlich sein kann aber geistig noch einiges an andere weiter geben kann. Vielleicht kann in einer Gemeinschaft der eine ältere Mensch etwas was ein anderer nicht kann und kann ihn so unterstützen, oder zum lachen bringen und und…

    @Manfred
    Da muss ich dir unbedingt zustimmen. Natürlich kann man nicht verallgemeinern, aber ich habe auch schon des öfteren alte Menschen, die wirklich“garstig“ waren, darauf hingewiesen, „dass es so aus dem Wald rausschallt wie man reinruft“. Und mal ganz ehrlich- ich hätte größte Schwierigkeiten gehabt mich um meine Mutter zu kümmern, die uns nach Strich und Faden verprügelt hat wegen nichts und wieder nichts. Aber dann kann man sich ja Menschen annehmen zu denen man nicht so ein belastet Verhältnis hat.

    Du hast vollkommen recht, in den letzten Jahrzehnten wurde versäumt diese Werte an die jüngere Generation zu vermitteln und das schlimme daran ist, dass die jüngere Generation auch darunter leidet aber vielleicht oft keinen Weg findet es anders zu machen, aus welchen Gründen auch immer?
    Tatsache ist meiner Meinung nach-eine Gesellschaft ist nur dann gesund wenn alle Menschen in allen Lebens- und Wirtschaftsphasen ernst genommen werden und ihnen auch vermittelt wird wie wichtig die jeweils andere für eben diese Gesundheit der Gesellschaft ist.
    Angelika

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