Claudia am 26. August 2011 —

Wie vermeidet man, im Alter allen auf die Nerven zu gehen?

Über Twitter fand ich den Hinweis auf den Artikel „eines weisen Mannes“, dem ich gleich neugierig folgte. Ich landete auf Jean-Pol Martins Weblog, der in „Angenehm, auch im Alter?“ der Frage nachgeht, die ich im Titel etwas weniger rücksichtsvoll formuliert habe.

Jean Pol Martion ist ein 1943 geborener Pädagoge, der nach einer Universitätslaufbahn nun seit drei Jahren im Ruhestand lebt – allerdings alles andere als ruhig! Er bloggt und bringt Senioren das Netz näher, daneben lässt er uns auch an seinen Erfahrungen und Gedanken über das Altern teilhaben. Und das klingt so:

„Plötzlich interessieren einen gesellschaftlichspolitische Themen wie demographischer Wandel, Sterbenshilfe, Hospizbewegung, Demenz, Altersheime und Pflege ganz besonders. Dies nicht zuletzte auch deshalb, weil man als 70 Jähriger sich permanent um die noch ältere Generation kümmern muss, die ihre eigenen Interessen (beispielsweise Verdauung) umfangreich ins Spiel bringt. Wenn man nicht aufpasst, transportiert man diese Themen dann selbst weiter bei jeder Gelegenheit, und eine Gelegenheit findet sich fast immer. Ein Ort, in dem ich diese Inhalte legitimerweise anspreche, sind die Philosophie-Workshops die Seniorentreffs und die Grünen Sitzungen. Aber: habe ich früher meiner Frau, meinen Kindern und meinen Freunden über Projekte mit Schülern und Studenten ausführlich berichtet, so besteht die Gefahr, dass meine Gespräche sich jetzt um Rollatoren, Barrierefreiheit, Arthrose und grauen Star drehen. All dies natürlich aus theoretischer Sicht!:-) Es ist durchaus möglich, dass ich mich auf diese Weise aus der Depression rette, der Preis dafür könnte sein, dass alle anderen um mich herum in die Depression hineinschlittern!“

Den ganzen Artikel lesen, lohnt! Es folgt eine kurze Betrachtung der allzu schnell genutzten Diagnose „Depression“, wenn ein alternder Mensch nicht mehr „permanent happy“ erscheint. Im Kapitel „Maßnahmen“ folgen dann konkrete Ratschläge, wie man es vermeidet, als im besten Fall noch schrulliges, aber insgesamt doch eher lästiges Alteisen wahrgenommen zu werden

Tipps, die nicht allen gefallen werden:

„Vorwürfe, Kritik, negative Beschreibungen, Verklärung der Vergangenheit und Vedammen der Jetztwelt und Zukunftswelt sollte man absolut vermeiden. Das habe ich bereits in früheren Zeiten getan, mit zunehmendem Alter muss an dieser Regel eisern festgehalten werden. Ist das Umfeld noch bereit, pessimistische Äußerungen von jungen Menschen zu akzeptieren, so reagiert es schnell gereizt, wenn Negatives von Seniorenmund stammt.“

Nichts mehr kritisieren, weil man als alter Mensch eher die Stimmung verdirbt? Ich wette mal, dieser Tipp findet nicht nur Zustimmung – oder doch?

Diskussion

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12 Kommentare zu „Wie vermeidet man, im Alter allen auf die Nerven zu gehen?“.

  1. So als Schnellschuß: Selbstverständlich sollte man im Alter seine Leiden thematisieren dürfen. Die Frage ist nur wie. Ich brauche doch vom Gegenüber die Information, wie es ihm geht, um seinen sonstigen „Output“ besser einordnen zu können. Allzuleicht wird auch wieder vergessen, daß der andere an Dauerschmerzen oder Herzproblemen leidet – dann ist es gut, daran nochmal erinnert zu werden.
    In meinem persönlichen Umkreis werden Krankheiten und das damit verbundene Leid dosiert wiedergegeben. So bin ich informiert. Dem Extrem, der Dauerberieselung durch Nöte dieser Art, bin ich in letzter Zeit nicht begegnet. Diese“ Nöte-Dauerberieseung“ geschah in Einzelfällen eher durch junge Leute: Keine Arbeit, die Zukunft, das Geld, die Partnerschaft.

  2. Hi Gerhard, Danke für deine Eindrücke! Letzteres kenne ich auch – sowohl von anderen als auch von mir selbst in jüngeren Jahren: zwar war mein Modus mehr schimpfen als klagen, doch hat das deutlich abgenommen. Die äußerlichen „Zipperlein“ werden zwar mehr, doch dafür hat die innere Gelassenheit auch sehr zugenommen. Meist finde ich das gut, manchmal auch ein bisschen langweilig. :-)

  3. zwischen (berechtigter)Kritik und Jammern um des Jammern will-en, d.h. ohne die Neigung oder Bereitschaft, etwas zu ändern, würde ich schon gerne unterscheiden.
    Und: Jammern ist keine Frage des Alters, es scheint mir eine Form der Lebenseinstellung zu sein, die denjenigen zu keiner Zeit attraktiv erscheinen lässt.

  4. Jammern ist oft nur der Versuch, beachtet zu werden, Reaktion einzufordern. Manchmal auch der Neid auf in besseren Umständen Lebende. Kritik muss zulässig sein – aber bitte nicht aus dem Vergleich mit der Vergangenheit oder der Furcht vor den Unwägbarkeiten der Zukunft. Kritik sollte gestalten durch gemeinsames Handeln von jung und alt und keine Besserwisserei sein.
    Allzu oft vergessen wir Älteren, dass sich unser Umfeld sehr verändert im Vergleich zu der Zeit, in der wir erwachsen wurden. Es gelten neue Regeln, Verhaltensweisen und Medien, sehr gut zu erkennen durch die Entwicklung des WWW/Internet und neuer Techniken, von der wir uns allzu leichtfertig abkoppeln anstatt es auszuprobieren. Lass doch der Jugend ihren Lauf und lasst uns älter werdende mit ihnen teilhaben an den faszinierenden neuen Möglichkeiten. Ob im Mehrgenerationenhaus oder durch gemeinsame Gestaltung einer lebenswerten Gesellschaft. Dann hört das Jammern eh auf und weicht der Erkenntnis, noch dazu zu gehören.

  5. Eine besonders nervtötende, im Alter leider meist zunehmende Angewohnheit ist die über alle Ufer tretende Schwatzhaftigkeit.
    Es ist sehr schwierig, einen körperlich benachteiligten Menschen in seinem Redeschwall unterbrechen zu wollen…Alle Ablenkungsversuche liefern weitere Stichworte um die Mühle erneut in Gang zu setzen. Wer das kennt, kann wirklich nur noch die Flucht ergreifen, es sei denn, man hilft sich mit einer ganz dicken Elefantenhaut ;-) Andere/weitere Empfehlungen werden gerne entgegen genommen!

  6. @Mylo – als 52-er Jahrgang komme ich Deiner Bereitschaft, Empfehlungen entgegenzunehmen nach. Zunächst einmal kann ich aber nicht bestätigen, dass die Schwatzhaftigkeit im Alter oftmals zunimmt. Als WahlFrankfurter am Main ist mir das nervende Gebabbele eher ein Zeichen von geistiger Unbedarftheit eines sehr schlichten Menschen unabhängig von seinem Alter.

    Nun zum Wesentlichen. Du schreibst:

    „Es ist sehr schwierig, einen körperlich benachteiligten Menschen in seinem Redeschwall unterbrechen zu wollen…Alle Ablenkungsversuche liefern weitere Stichworte um die Mühle erneut in Gang zu setzen.“

    Das ist genau der Punkt. Setze dem KEINEN Widerstand entgegen! Versuche nicht den Redefluß Deines Gegenübers zu unterbrechen. Im Gegenteil. Unterstütze ihn zum Beispiel durch gelegentlich eingeworfene Bemerkungen – „Ja, dann erzähl doch mal“ – oder weiterführende Fragen. Zeige Dich interessiert. Wenn Du irgendwann merkst, dass es Dir langsam unbehaglich wird, kannst Du immer noch mit freundlicher Bestimmtheit erklären, dass Du jetzt los mußt, persönlichen Verpflichtungen nachkommen musst … und schwups, bist Du wieder frei ;-))

    Übrigens ist dieses frei werden von Widerständen für mich die größte Herausforderung bei meinem eigenen älter werden, denn: Wer inneren Widerstand, Unwillen, Ärger etc. nicht weiter nährt, indem er seine Aufmerksamkeit einfach davon abzieht, findet nach und nach eine andere Welt vor! Ehrlich.

  7. Wie immer gibt es alle Formen.
    Ich kenne 2 ältere Menschen, die nicht viel lamentieren, geistig total fit sind und sich rege an allen Gesprächen beteiligen, die offen für die jugend sind, manchmal ist der eine etwas sehr zynisch, aber ok.
    Dann gibt es die personen die auch geistig fit sind, sich ncoh viel angagieren, aber fast jedesmal als erstes ihre Leiden aufzählen und den Ärger mit den Ärzten. Die im Gespräch dann immer wieder auf Altes und Gewesenes kommen und zwar meinen sehr aufgeschlossen zu sein, aber eher rückgewandt sind.
    Dann kenne ich die Menschen, die einfach nur fröhlich sind, das Leben so nehmen wie es ist, teils sehr krank sind aberwenig darüber reden,obwohl sie eher einfache Menschen sind.
    Ganz schlimm finde ich die grantigen, die an allem rumkritteln was die Jugend macht und überhaupt was alle machen und jedem im Umfeld das Leben schwer machen, weil sie sich nur Beschweren und Meckern oder andere Anraunzen.
    Also auch hier gilt es gibt viele Spielarten von älteren Menschen und wir müssen sie halt so nehemen wie sie sind.

    Angelika

  8. @Hermann: vielen Dank für Deine Empfehlung, keinen Widerstand zu leisten. Daran übe ich noch ;-)
    Deiner Feststellung, dass es sich um geistige Unbedarftheit handelt, möchte ich widersprechen: es kann sich ebenso um Pesonen mit wachem Intellekt und um starke Persönlichkeiten handeln, welche einfach so sehr von sich selber eingenommen sind, dass sie gar nicht daran denken, auch mal ihre Mitmenschen zu Wort kommen zu lassen. Womit eine weitere Spezies von Nervensägen ausfindig gemacht wäre.
    Mylo

  9. In meinem Beitrag wollte ich besonders betonen, dass man mit dem Alter notgedrungen mit Erfahrungsfeldern konfrontiert wird, die bestimmte Themen aufdrängen. So war ich letzte Woche vier Tage zu Besuch bei meiner Mutter im Heim und war logischerweise ununterbrochen mit Themen wie Krankheit und Tod sowie finanzielle Restriktionen befasst. Wenn man mich jetzt fragt, was ich letzte Woche gemacht habe, wäre es fatal, wenn ich ausführlich darüber berichten würde. Ich schweige also lieber. Zum Glück habe ich nebenbei noch einiges erlebt (war im Kino), so dass ich nicht ganz verstummen muss. Daher bemühe ich mich, sehr aktiv im Jetztleben zu sein (Politik, Freiwillige Arbeit, Philosophie-Kurse erteilen), damit ich die anderen, altersspezifische Themen für mich behalten und mit mir selbst verarbeiten kann. Ich habe also die Hoffnung, dass meine Gesprächspartner mich nicht mit traurigen Themen assozieren.

  10. Das ist ja nun eher beruhigend: so viele Varianten von „zur Nervensäge werden“ gibts also mindestens – und das Alter alleine zwingt offenbar nicht dazu, eine der Möglichkeiten zu wählen! :-)

    Ich danke Euch für die interessanten Beiträge mit Eurer Sicht und Erfahrung. Mir scheint: man altert durchaus individuell – und jeder hat die gute Chance, genau auf die „gewohnte“ Art zu nerven. Plötzliche Umschwünge sind nicht wahrscheinlich, wohl aber das schärfere Hervortreten vorhandener Charakterzüge und Eigenheiten.

    @Jean-Pol: So ein berührendes Erlebnis total vermeiden, nur damit andere einen nicht mit „schweren Themen“ identifizieren?
    Ich wollte und könnte das nicht, hab mich aber auch immer schon für die „weggeschobenen“ Bereiche interessiert: Alter, Krankheit, Tod – es sind die unvermeidlichen Zustände, mit denen wir doch nicht etwa besser zurecht kommen, wenn sie einfach tot geschwiegen werden!
    Natürlich wär es nicht förderlich, NUR noch dieses Thema zu haben – und sicher eignet sich der Besuch im Pflegeheim nicht zum Smalltalk zwischen Tür und Angel. Aber mit meinen Freunden würde ich über so etwas schon sprechen wollen – und in einer die Privatsphäre der Mutter schützenden Art auch öffentlich!

  11. Man sollte den anderen konfrontieren mit dem, was man ist, also auch mit dem Schweren. Nur damit derjenige weiß: Das bin ich AUCH. Und: Irgendwann war es doch mal in unserer Gesellschaft ein erklärtes Ziel, „authentisch“ zu sein.

  12. Ja, tatsächlich, jeder altert auf seine façon. Trotzdem tut es gut, wenn man sich mit anderen über die Art und Weise wie sie die mit dem Alter entstehenden Schwierigkeiten umgehen und welche „Strategien“ sie verwenden. Danke für die ganze Diskussion hier! Danke insbesondere an dich, Claudia!