Claudia am 10. Dezember 2011 — 5 Kommentare

Wolf Schneider: Älter werden – Vom Leben jenseits der Mitte

Wolf Schneider - Foto:Aniela Adams„Wer bin ich?“ Die große Frage beschäftigt den Autor, Verleger und Herausgeber des Connection-Magazins fürs Wesentliche schon ein Leben lang. Wie es ihm gelingt, die Tiefen und Untiefen der „spirituellen Szene“ zu kommentieren und im Geiste der Aufklärung zu erhellen, ohne das Kind mit dem Bade auszuschütten, fand und finde ich immer schon bewundernswert. Ich freue mich, dass Wolf Schneider seinen Beitrag zum Thema Altern als Gastartikel für dieses Blog frei gegeben hat.

Du liebst »das Gesetzte« an mir, hast du gesagt. Habe darüber nachgedacht, was das wohl ist. Mein Alter? Auch das. Aber nicht alle haben das Glück, auf diese Weise alt zu werden. Etwas in mir hat sich gesetzt und ist ruhig geworden.

Ich bin nicht mehr so wirr und unstet wie die Jüngeren (und ich als Jüngerer), bin stiller und stetiger geworden. Manchmal beneide ich die Jüngeren um ihre Schnelligkeit, Flexibilität, Frische und dass sie die Zukunft noch vor sich haben – so viel mehr Zukunft als ich! Aber dann werde ich auch darin ruhig, denn auch das Altern ist schön. Zu wissen, dass die Lebensmitte überschritten ist und ich nun mehr hinter mir habe als noch vor mir, auch das.

Bewusstwerden

Älter werden impliziert ein Bewusstwerden des Jungseins, das man hatte und manchmal, von der geistigen und körperlichen Flexibilität her, noch hat, das man aber jetzt erst richtig wertschätzen kann. Jugend ist das, was Gott denen gegeben hat, die noch nicht richtig damit umgehen können, so ähnlich hat das Oskar Wilde gesagt. Oder George Bernhard Shaw: Warum bekommt der Mensch die Jugend in einem Alter, in dem er nichts davon hat? Im Alter konnten diese Männer das sagen. In ihrer Jugend hatten auch sie sich lustvoll und mehr oder weniger bewusstlos verschleudert, vermute ich. Vielleicht ist es auch hier so wie mit der Gesundheit: Wer sie hat, kennt sie nicht und kann sie nicht wertschätzen. Erst wer sie verloren hat, weiß um ihren Wert und trauert ihr nun nach.

Vom Hopsen zum Stillwerden

Gut zu wissen, dass man auf den Tod zugeht, das macht alles noch wertvoller. Ich fühle mich wohl in meinem Körper, ich koste die Bewegungen, die er – noch – machen kann, genüsslich aus. Auch jetzt noch nehme ich beim Treppesteigen zwei Stufen auf einmal – was für eine Lust, dabei zu spüren, wie das überall zieht und strafft und sich dehnt! Aber wenn ich sitze, wippe ich nicht mehr, bin ruhiger geworden. Ältere Menschen machen zielgerichtetere Bewegungen, lernt man in der Schauspielausbildung – als Schauspieler sollte man mit 20 auch einen 40-Jährigen darstellen können und mit 50 einen 30-Jährigen. Ältere Menschen bewegen sich ökonomischer, sie setzen den Aufwand gezielter ein. Kleine Kinder hopsen einfach herum aus schierer Lust an der Bewegung.

Glück im Alter

Die Glücksforscher sagen, dass Kinder und alte Menschen glücklicher sind als die in den Jahrzehnten dazwischen. Erst hat mich das gewundert: Warum sollten die »in der Mitte des Lebens« nicht die Glücklicheren sein, sie haben doch noch die volle Kraft ihres Körpers und Geistes und sind schon aus dem Ärgsten (ihrer Unbeholfenheit im Umgang mit dem Leben) raus. Aber sie kämpfen noch. Sie sind gestresst. Unglaublich, wie wir uns unser Leben in diesen mittleren Jahren vollstopfen, um erst im Alter zur Ruhe zu kommen, wenn dann die körperlichen Leiden bedeutsamer werden. Sind wir dann trotz der körperlichen Leiden glücklicher? Anscheinend ja (siehe Glücksforschung) – weil der Geist stark ist. Erst im hohen Alter werden die körperlichen Leiden so dominant, dass auch ein starker Geist das kaum mehr aufwiegen kann. Dann nimmt (im statistischen Mittel) das Glücksgefühl wieder ab.

Erwartungen versus Erinnerungen

Als Zwanzigjähriger hatte ich mir aus Tucholskys Tagebüchern dies herausgeschrieben: »Erwarte nichts. Heute, das ist dein Leben«. Es hat mich heilsam, geradezu euphorisch geschockt. Erwartungen sind auf die Zukunft gerichtet, Erinnerungen auf die Vergangenheit. Je jünger wir sind, umso mehr leben wir in Erwartungen, je älter, desto mehr in Erinnerungen. Jenseits der Mitte werden die Erinnerungen allmählich stärker als die Erwartungen. Vielleicht sollte ich mir deshalb jetzt notieren: »Erinnere nichts. Heute, das ist dein Leben.« Damals war es dieses »Erwarte nichts«, was mich aufweckte, allerdings nur punktuell. Noch lange dachte ich, dass das richtige, echte Leben eigentlich noch kommen müsste. Das, was jetzt da war, das konnte es doch nicht schon gewesen sein. Dabei war ich mitten drin. Aber dass wir mitten drin sind, das merken wir eben erst allmählich, mit zunehmendem Alter. Wenn dann die Mitte unweigerlich vorüber ist, kommen wir nicht mehr umhin uns einzugestehen, dass es das jetzt ist, das Leben. Jetzt! Wer das jetzt noch nicht gecheckt hat, ist verloren.

Das Herz

Überhaupt die Mitte! Das meiste, was über »das Herz« geschrieben und hierzu gesagt wird, ist fürn Müll. Es ist Kitsch pur oder, in den besseren Fällen, ein verzeihliches Säuseln im Zustand leichter Benommenheit durch einen Gefühlsrausch, wie er bei einer Verliebtheit oder Begeisterung entsteht. Die einzige Art, wie ich mit diesem wichtigen Wort, das ich doch nicht völlig aus meinem Vokabular verbannen will, was anfangen kann, ist, es als Mitte zu verstehen. Aus dem Herzen / vom Herzen her handeln heißt, aus der Mitte heraus zu handeln. Alle Motive und Motivationen addieren (möglichst auch die unbewusssten, hihi), wie in einem Vektordiagramm, dann ist das Resulat »echt«: eine Bewegung aus der Mitte heraus, die nicht durch eine andere, gegenläufige konterkariert wird. Sowas wie aus dem Hara heraus handeln, aus dem Dantien. Das gibt der Bewegung Wucht und Sicherheit, Kraft und Ruhe. Das ist nicht süß, sondern stark.

Die Mitte

Wenn ich mir nun in der Mitte des Lebens bewusst werde, dass ich darin bin, mitten drin, dann hat auch das Wucht, Kraft, Stärke. Es gibt ein Vorher und ein Nachher, und ich bin mitten drin. Ich bin geboren worden und werde sterben, und vermutlich bin ich über die Mitte hinaus, vielleicht sogar weit drüber hinaus, aber ich weiß nicht, wann es vorbei sein wird. Auf die Tröster, dass »es dann weiter geht«, kann ich verzichten. Sie nehmen dem Bewusstsein der Mitte die Wucht, sie täuschen. Dass das Leben nach mir weitergeht, ist eh klar, aber nicht ich lebe dann weiter. Ich bin irgendwann zuende. Das zu wissen tut gut und gibt meinem Dasein Wucht. Ich könnte auch sagen: Herz. Um die Mitte zu wissen und aus ihr heraus zu handeln ist kraftvoll. Die Irrelevanz der Jugend ist von uns abgefallen, wir sind da, wir sind im Leben angekommen.

Die Magie des Alters

Wenn eine Frau über einen 30- oder 40-Jährigen Mann sagt: »Der? Das ist doch kein Mann. Der ist doch noch ein Bubi«, dann meint sie das. Er ist gesund, schön und voller körperlicher Spannkraft, aber die Magie des Alters fehlt. Magie des Alters??? Müssen wir das Nachlassen der Kräfte jetzt auch noch Schönreden? Doch: Magie des Alters. Zu wissen, dass man über die Mitte hinaus ist und immer mitten drin steht, jetzt, am Nachmittag oder Abend des Lebens, im Herbst, vielleicht auch Spätherbst, wenn sich die Dunkelheit über das Land senkt, über das Leben, da sind wir magischen Alten ganz da. Während um uns herum das Leben tobt, alle diese kreativen Zerstörungen, dieses Wachsen und Werden und Sterben.

____________________________________________________________________
Foto: Aniela Adams

Diskussion

Kommentare abonnieren (RSS)
5 Kommentare zu „Wolf Schneider: Älter werden – Vom Leben jenseits der Mitte“.

  1. Vielen Dank für diesen Beitrag, er spricht mir sehr aus dem Herzen!!!

    Angelika

  2. Ich freu mich, daß Du diesen Beitrag gefunden hast, Claudia! Er ist wirklich substantiell und in mehrerer Hinsicht „ein Gedicht“!

  3. Das ist alles schön und gut mit der Mitte. Ich möchte es mit einem Zitat von Kästner ergänzen: es gibt nichts Gutes außer man tut es. Die Betonung liegt auf TUN. Was ich mit dem Tun erreiche, auslöse oder beeinflusse kann ich nicht vorhersehen. Aber etwas Gutes zu tun in jeder Lebensphase, kann auf die Entwicklung der Zukunft Einfluss haben. Insofern ist das ‚Jetzt‘ ohne das Vergangene und das Kommende nicht möglich. Und die Mitte ist nicht bestimmbar, da wir den Zeitpunkt des Endes nicht kennen. Sie ist statistisch gesehen, also auf das durchschnittlich maximale Lebensalter bezogen, natürlich mit 50 oder 60 als überschritten zu deuten.
    Ich kann das übrigens noch nicht, das Leben im Hier und Jetzt, ich denke viel zu viel vor: ich bemühe mich aber es zu lernen, das Tun durch tun. Zum Beipiel überlege ich, ob ich dies wirklich schreiben sollte. Blödsinn.
    Frage: was ist Hara und Dantien? Ich könnte zwar nachschlagen, will es aber nicht. Ich finde es sollte erklärt werden für Unkundige.
    LG von Niko

  4. Die vorwiegend feinsinnigen Philosophien, die in diesem Blog abgegeben werden, wirken auf mich wie eine große unberührte Schneefläche, die in der Abendsonne ihren Glanz verbreitet. Für den Schneepflugfahrer, der vor so einem unberührten Schneefeld steht, ist es ein großes Problem, wenn er keine Orientierungspfähle vorfindet. Sehr schnell landet er in so einem Fall im Graben.
    Für die Kunst-des-Alterns gilt daher: „Möglichst im frühen Lebensherbst seine Orientierungspfähle einzuschlagen“. Dazu ein paar Erkenntnisse zu meinen Wegmarkierungen des Älterwerdens.
    Mit 36 ergaben sich eine paar grundlegende Veränderungen für mein zukünftiges Leben. Dazu eine längerfristige Planung, mit einer Perspektive bis 65 zu formulieren. Ohne zu erahnen, wie fühlt sich 65 an, was kommt danach und mit dem Wissen, dass es auf diesem langen Weg viele Unwägbarkeiten geben kann, die nicht zu planen sind. Daher werden sie in die Planung auch nicht einbezogen. Wichtig allerdings, den Sinn des Leben für sich selbst zu erklären. Was im Prinzip kein Problem war: Beruflich belebende Perspektiven, Ehepartner, Familie, vier Kinder und der Automatismus des sozialen Umfeldes ergaben ein sinnvolles und ausgefülltes Leben.
    Jetzt bin ich 65 und weiß wie es sich anfühlt. Ein großer Teil der bisher sinngebenden Vorgaben wie Beruf, Familie und Kinder sind eigentlich abgearbeitet. Was beleibt jetzt noch an Orientierung? Ein lieber Ehepartner ist noch da, in Kürze das erste Enkelkind und ein Berg an Motivation für die nächsten 29 Jahre. Kein Ahnung wie sich 94 anfühlt und was danach kommt. Ja gut, die Probleme auf diesem Weg können größer werden, aber keiner kennt sie, daher finden sie auch diesemal in meiner Planung keine Berücksichtigung. Pardon, so kleine Vorsorgen, wie eine barriere frei Wohnung etc., braucht man deshalb nicht gleich übersehen. Wichtig allerdings, den rücklaufenden Automatismus für das soziale Umfeld durch gezielte Aktivitäten ständig ausgleichen, dem Sinn des Lebens, mit der Schaffung eines neuen Werkes, eine erfrischende Erneuerung vermitteln. Damit bin ich zur Zeit beschäftigt und habe meine Wegmarkierungen für das Älterwerden eingeschlagen. Es grüßt Euch Manfred.

  5. Ja, Magie des Alters! Viele schöne Sichtweisen die ich mir zum Herzen genommen habe. Wunderbarer Blog, fast schon poetisch.
    Grüße Melanie

Was sagst Du dazu?

*) Pflichtfelder. E-Mail wird nicht veröffentlicht