Claudia am 31. Juli 2012 — 11 Kommentare

Der Lieblingskunde oder: Lieben statt geliebt werden wollen

„Heilige Seekuh, ich könnte Ihnen ewig zuhören! Ich würde Sie am liebsten auf diesem Hocker festbinden, damit Sie mir den ganzen Nachmittag lang alles erzählen, was Ihnen einfällt!“

Wer sagte das zu wem? Es war „MaDove“, die in ihrem Blog „Dinge. Und Sachen“ über die Begegnung mit einem über 80-Jährigen alten Herrn berichtet – ihr „Lieblingskunde“, der alle paar Wochen in ihren Laden kommt und ein bisschen mit ihr plaudert.

Dieses Plaudern ist allerdings so ganz anders als das, was MaDove bei alten Menschen gar nicht mag, die „im Alter dazu neigen, ihre Aufmerksamkeit auf ihre eigenen Erinnerungen und auf die von ihnen erworbene Weisheit zu richten, und beides mehr oder weniger ungefragt und mehr oder weniger ausführlich mit mir zu teilen“.

Was ist so anders? Der alte Mann erzählt Anekdoten, die NICHT dazu dienen, ihn selbst besser dastehen zu lassen. Er zeigt großes Interesse an ihrer Meinung, will nicht vor allem selber reden und geht sogar konkret auf das ein, was sie sagt. Und noch bevor sie auch nur daran denkt, dass sie nun besser mal wieder arbeiten sollte, beendet er das Gespräch von sich aus.

Dass dieses Verhalten (das eigentlich ein ganz normal menschliches sein sollte, aber nicht ist) solch eine Begeisterung hervorruft, zeigt deutlich, dass Alter kein Mangelzustand sein muss. Nämlich dann nicht, wenn es nicht mehr darum geht, selber im Mittelpunkt zu stehen und zu glänzen. Der einst Suchende ist zum Gebenden, zum Liebenden geworden und kann Andere mit dem beschenken, was viele ersehnen, aber selten bekommen: Ungeteilte Aufmerksamkeit, Zuwendung, Interesse, Bedeutung.

Diskussion

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11 Kommentare zu „Der Lieblingskunde oder: Lieben statt geliebt werden wollen“.

  1. „Im Mittelpunkt zu stehen und zu glänzen“ – davon scheinen wir ja alle beseelt. Manchmal scheint es wirklich so.
    Man will sich darstellen, Profil gewinnen, zeigen, daß man interessant ist.
    Die Gurus sagen, das ist das Ego, das sich ständig behaupten muß und deshalb immer und immer um Anerkennung und Beachtung kämpfen muß.
    Diese Tretmühle zu durchbrechen, ist nicht einfach.
    Vielleicht hat der alte Herr als seine Art der Belohnung des Durchbrechens das Prädikat „Gutmensch“ erworben. Aber vielleicht ist er aber auch nur einfach MÜDE des immergleichen und lebenslangen Egospiels.

  2. Oh, Gerhard, jetzt nutzt du dieses Unwort, um so einen lieben alte Herrn zu benennen? Ich kenn das nur als abwertendes Schimpfwort von Seiten böswilliger Zyniker, die es nicht ertragen mögen, dass es noch Menschen gibt, die sich für positive Werte engagieren.

    „Nur müde“ reicht nicht, denn das Interesse aufs Gegenüber zu richten, kostet Wachheit und Energie. Die nur Müden verstummen einfach, mehr oder wenger verbittert.

  3. Für mich ist das kein Unwort, weil von mir sehr selten genutzt…und den Grad und die Färbung dieses Worts mag sonst eine andere sein.
    Und was ist dabei, wenn ich mir sage: Ich kann zuhören, ich kann dienlich sein und was auch immer…und dabei AUCH spüre, daß das fast eine Kunst ist…also…gut!
    Müde (englisch „sick“ )von etwas zu sein, kann auch eine positive Kraft sein. Es ein fürs andere Mal sein lassen, das Übliche.

    Anhand dieses Beispiels unserer Diskussion hier wird für mich auffällig, wie doch eine Aussage tendativ in eine Richtung gedeutet wird, in der sie eigentlich nicht angelegt war.
    Ich befürworte solche Menschen wie den alten Mann – es sollte mehr davon geben!
    Gruß

  4. Ich hatte mir schon gedacht, dass du es nicht SO meintest, wie es heute allgemein in Gebrauch ist. Sondern eben „guter Mensch“…

    Nicht nur im Alter sollten mehr Menschen so sein… aber ok, im Alter ist es leichter und wahrscheinlicher. :-)

  5. Liebe Claudia

    Selbstdarstellung ist weit verbreitet, das stimmt.

    Bei älteren Menschen höre ich oft heraus, dass sie in ihrem Leben eher ein Schattendasein führten, da sind die Ehefrauen, die, grade in der älteren Generation, klaglos und wie selbstverständlich, die Kinder erzogen, den Haushalt erledigten, dem Mann den Rücken freihielten, damit er Karriere machen oder in Ruhe arbeiten konnte.
    So als seien sie unsichtbare Geister.

    Und ich empfinde es gar nicht als unangenehm oder nervend, wenn z.b. diese Frauen von sich und ihren nie gelebten Träumen erzählen. Und ich sehe wie sie entspannen, wenn sie merken, dass da jemand ist, der endlich einmal IHNEN zuhört.
    Das waren Erfahrungen, die mich auch berührt haben, denn es war nicht die übliche Selbstdarstellung.

    Liebe Grüße
    Lilly

  6. Liebe Claudia,
    ich weiß jetzt gar nicht, WIE ich auf Dein Blog gekommen bin ;-) Also dass ich als Jahrgang 54 mal irgendwann etwas über „die Kunst des Alterns“ lesen würde, habe ich mir auch nicht träumen lassen. Aber irgendwann trifft es ja wohl jeden, nicht wahr? Meine erwachsenen Kinder reflektieren mich auf eine sehr kritische Art und Weise, aber liebevoll, und ich denke oft: kommt ihr doch alle mal in mein Alter. Wobei ich mein Alter nicht als ALT empfinde, eher eigentlich das Gegenteil. Ich bin der Ansicht, älter werden können wir alle noch später, nach der Devise lebe ich schon seit Jahren und mache die Dinge, die ich tun möchte ohne zu fragen, ob das in „meinem Alter“ noch geht. Was die alten Menschen betrifft, so ist es für mich auch immer wieder eine Wohltat, jemanden zu treffen, der noch lebendig ist und Lebensfreude ausstrahlt und etwas zu erzählen hat.
    In diesem Sinne, ich werde wohl öfter hier vorbeikommen!
    Dori :-)

  7. @Dori: schön, dass du hergefunden hast!

    Ich verstehe dich gut und empfinde im wesentlichen ähnlich. Allerdings setze ich mich mit den üblichen Empfindlichkeiten rund ums Altern in einer andereren Art rebellisch auseinander: JA, ich bin ÄLTER! Ja, ich werde langsam ALT! Ja, für alle unter 40 bin ich so langsam STEINALT (und sie sind für mich „die Jungen“) – und daran ist überhaupt nichts falsch!

    Jedes Lebensalter hat seine Vor- und Nachteile – auch das Alter. Ich habe nicht vor, einen auf „forever young“ zu machen, denn ich bin froh, nicht mehr jung zu sein. Ich wollte nicht zurück, würde da eine Fee erscheinen und ich dürfte was wünschen… :-)

    Natürlich mache ich die Dinge, die ich tun möchte – aber es sind nicht mehr diesselben Wünsche und Aktivitäten wie mit 20, 30 oder 40. Ich käme mir zu Recht lächerlich vor, würde ich mich stylen wie eine 20-Jährige und ein Nachtleben wie damals würde ich gar nicht mehr ertragen. Aber es reizt mich eben auch nicht mehr – und das ist gut so.

    Dass meine sexuelle Attraktivität sich nicht mehr spontan über die Optik vermittelt wie bei jungen Frauen bedauere ich nicht und vermisse es auch nicht. Im Gegenteil, ich genieße es, „wie unsichtbar“ an Zusammenrottungen junger angetrunkener Männer vorbei gehen zu können, ohne mich als potenzielles Opfer zu fühlen. Und ich genieße die Freude, mich für Andere und für die Welt wahrhaftig zu interessieren, ohne dass es letztlich nur darum geht, irgendwie persönlich zu glänzen – mein Leben ist im Vergleich zu früher in diesem Sinne ungemein entspannt und angenehm.

    Ach, es ist einfach schön, älter und alt zu werden – trotz der paar körperlichen Zipperlein, die sich da im Lauf der Zeit etablieren. Die nehme ich als Phänomene der Welt, genau wie das Wetter..

  8. Liebe Claudia,
    das war ja eine „flammende Rede“. Nein, ich möchte auch nicht mehr jünger sein, beim besten Willen nicht. Und ja, meine Wünsche sehen heute ganz anders aus als noch vor 15-20 Jahren. Aber – schluck – wenn ich mit meiner Tochter unterwegs bin und die Blicke sehe, mit denen sie bedacht wird, dann überfällt mich der Anflug eines Bedauerns ;-) Ja, so ist es.
    Es als Phänomen zu sehen ist eine gute Idee, wie ich meine!
    Liebe Grüße von Dori

  9. Liebe Claudia …

    Danke für diesen schönen Beitrag. Weißt du was? Ich hatte nie das Gefühl, dass alte Menschen sich in den Mittelpunkt drängen wollen, eher hatte ich das Gefühl, dass sie unbedingt noch etwas „wert“ sein wollen für andere. Irgendetwas tun, damit man sie nicht als Last empfindet, sondern als Bereicherung. Damit sie das Gefühl haben, noch eine Lebensberechtigung zu haben. Das muss ein verdammt schlimmes Gefühl sein für alte Menschen …

    Das Verhalten des Mannes erinnert mich an mein eigenes, wenn ich Angst habe, andere zu langweilen oder ihnen die Zeit zu stehlen. Ich rede bis zu einem gewissen Punkt und dann stoppe ich und verabschiede mich. Damit ich nicht erleben muss, dass der Andere es ist, der sich „losreißen“ muss. Auch das tat mir irgendwie Leid, und auch hier kann ich es ihm – diesem alten Mann, den ich mir im Kopf vorstelle – abnehmen, dass er das aus Selbstbewusstsein oder geringem Egozentrismus heraus tut, sondern auch aus Angst heraus.

    Sicher ist meine Wahrnehmung sehr von dem gefärbt, was ich so bzgl. des Umgangs mit alten Menschen erlebt habe.

  10. Ich bin gerne alt! – Ich freue mich jeden Tag und bin dankbar, dass ich da bin. Vieles ist für mich unwichtig geworden, z.B. das Reisen, die vielen Ablenkungen und ich gehe den Weg nach innen. – Den Weg der Liebe gehen, sehe ich als meine Aufgabe und so mache ich u.a. Besuchsdienst im Altenheim und gebe einzelnen Menschen viel Zuwendung. Schwierig finde ich, wenn ich in der Bahn sitze und um mich herum hat fast jeder einen Kopfhörer im Ohr oder ist mit seinem Handy beschäftigt. Warum sehen sich die Menschen nicht einfach mal an oder sprechen miteinander?

  11. Hallo Irmgard, danke für deinen Kommentar! Vielleicht hast du ja Lust, mal einen Gastartikel über deinen Besuchsdienst zu schreiben?
    Würde sicher nicht nur mich interessieren, wie das so stattfindet – mit im Grunde doch wildfremden Menschen.

    Falls ja, nimm Kontakt per Mail auf:
    http://www.kunst-des-alterns.de/kontakt/

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