Claudia am 30. April 2017 — 3 Kommentare

Vom Umgang mit Krankheit im heutigen Gesundheitswesen

Mit zunehmendem Alter stellen sich immer mehr Zipperlein ein: bleibende Beschwerden, die nicht mehr so einfach wieder verschwinden wie in jungen Jahren. Man geht dann zum Arzt, der vielleicht etwas findet, vielleicht aber auch nicht. Gibt es tatsächlich eine Diagnose, ist damit noch lange nicht gesagt, dass es auch Heilung gibt. Die sogenannten „chronischen Krankheiten“ erweisen sich als recht resistent gegen mancherlei Interventionen, allenfalls können Symptome bekämpft werden, was wiederum zu Nebenwirkung führt, die weitere Interventionen erfordern. Ältere Menschen sind somit wertvolle Umsatzbringer für Ärzte und Pharmaindustrie, bzw. belastende Kostenfaktoren für die Krankenversicherungen – und im Selbstverständnis immer öfter dauerhaft „Patient“. Einmal drin im Getriebe des Gesundheitswesens, findet man nur selten wieder heraus: es ist ja immer etwas, das beobachtet, eingestellt und therapiert werden muss.

Stimmt es denn nun wenigstens, dass die heutige Medizin uns insgesamt gesünder macht? „Krankheit ist Kult“ behauptet der Fingerphilosoph, der mich zu diesem Artikel inspiriert hat:

„Im Krankenhaus verschmelzen Religion und Technik zu einem Gesundheitswesen, das seltsamerweise immer mehr kranke Menschen hervorbringt. Und zwar in einer Größenordnung, die für mich etwas Schauriges hat. 1960 gab es in Deutschland knapp 94.000 Ärzte. Umgerechnet auf die Gesamtbevölkerung betreute ein Arzt also 780 Bürger. 2015 gehörten dem praktizierenden Ärztestand 371.300 Ärzte an, das heißt, das jeder Arzt im Schnitt nur noch 221 Bürger betreut. Wohlgemerkt: Ich rede hier von normalen Bürgern, nicht von Patienten.

Ein Dorf mit 1.000 Einwohnern muss heute vier Ärzte finanzieren. Trotzdem hat ein Arzt im Durchschnitt nicht mehr als acht Minuten pro Patient übrig. Ein Facharzt behandelt täglich 41, ein Hausarzt 53 Patienten. Wo kommen all diese kranken Menschen her? Wenn ein Arzt 221 Bürger betreut, wäre er, selbst, wenn jeder Bürger krank sein sollte, bei diesem 8-Minuten-Takt doch locker in einer Woche mit allen durch. Für den Rest des Jahres, also satte 51 Wochen, könnte sich der Arzt auf die faule Haut legen. Stattdessen klagt jeder Arzt über Überarbeitung und Dauerstress und nicht wenige schieben im Krankenhaus Dienste von 36 Stunden.

Zwischen 1973 und 2013 hat sich die Zahl der Krebsfälle verdoppelt. Nicht mehr lange, und die Zahl der Neuerkrankungen bewegt sich in derselben Größenordnung wie die Zahl der Geburten. 2013 gab es 482.500 neue Krebsfälle und knapp 700.000 Geburten. Ja, das ist ein makabrer Vergleich. Wieso nehmen die Ärzte diese Zahlen einfach so hin? Wieso gibt das keinen Aufschrei in der Bevölkerung?

Mein Kommentar dazu:

„Es gibt keine Gesunden, nur Menschen, die nicht genügend diagnostiziert wurden.“ Keine Ahnung, wer diesen Spruch in den Welt gesetzt hat, doch beschreibt er offenbar eine Wahrheit, bzw. den heutigen Status Quo. Der medizintechnische Fortschritt in den Diagnosetechniken, etwa bei den Bild-gebenden Verfahren, führt dazu, dass immer mehr „erkannt“ werden kann, das es wert ist, genauer untersucht zu werden.

Dazu eine kleine persönliche Geschichte: Als ich kürzlich wegen eines seit vielen Jahren bestehenden Nervenleidens, das zeitweise meine Gehfähigkeit beschränkt hat, auf Geheis einer Neurologien ein MRT machen ließ, wurde die vermutete Ursache NICHT gefunden. Dafür enthielt der Bericht DREI andere Befunde, die mit der Sache gar nichts zu tun haben. Fakten, die nach weiterer Diagnose verlangen, was die Neurologin veranlasste, mir ganz selbstverständlich drei Überweisungen zu Fachärzten auszuhändigen, damit das untersucht werden kann. Ich hab das ignoriert, es ist jetzt über ein Jahr her und noch hat sich keine weitere Krankheit gezeigt.

Wäre ich der „Weisung“ gefolgt, wäre ich Patientin bei drei Ärzten geworden, es hätte teure Untersuchungen gegeben, ich wäre ständig im Status „besorgt“ gewesen, hätte eine Selbstbild als „krank“ entwickelt und dauernd Arzt-Termine gehabt. Darauf hab‘ ich keine Lust und hänge noch immer dem Motto an: ich geh zum Arzt, wenn ich mich krank fühle – nicht „einfach so“. Und auch nicht, um irgendwelche Abweichungen im bildgebenden Verfahren genauer zu besichtigen.

Ganz kalt hat es mich natürlich nicht gelassen. Alle drei Befunde hab ich mal kurz recherchiert, geschaut, was das so sein könnte… und dann damit aufgehört, da ich die Möglichkeit einer echten aktuellen Brisanz als gering einschätzte. Ich konzentriere mich dann lieber auf „gesünder leben“: besser essen, abnehmen, mehr bewegen…

Das ist vielleicht ignorant, naiv und leichtsinnig. Aber es erhält – vorläufig – meine psychische Lebensqualität im Jetzt – und opfert sie nicht zu Gunsten einer möglichen Gefahrenabwehr für die Zukunft. Wer weiß denn, ob mir nicht morgen ein Blumentopf auf den Kopf fällt oder ich nächstes Jahr an einer Lungenentzündung sterbe? Dann wäre all das besorgte Vorsorgen, Diagnostizieren und Therapieren umsonst. Es hätte mir nur die Stimmung während meiner letzten Monate verdorben!

Das Nervenleiden, dem ich wirklich nachgegangen bin, ist übrigens noch nie von einem Arzt irgendwie therapiert worden (ich nenne es einen „Sitzschaden“ und denke, damit nicht falsch zu liegen). Auch bei Freunden hab ich erlebt: Ärzte kümmern sich oft nicht um das Leiden, weshalb jemand kommt (weil sie die Ursachen nicht erkennen und/oder gar keine Erfolg versprechende Therapie haben), sondern kümmern sich um ANDERES, das sie erkennen und potenziell therapieren können.

Beim Bäcker bekomme ich zehn Brötchen, wenn ich diese verlange – und nicht statt dessen 3 Kuchen, 1 aufgewärmte Pizza und ein Croissant!
Im Gesundheitswesen ist es anders, und deshalb haben wir immer mehr Kranke.

Diskussion

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3 Kommentare zu „Vom Umgang mit Krankheit im heutigen Gesundheitswesen“.

  1. Hallo Claudia,

    interessanter Artikel. Ich kann mich deiner Haltung nur voll und ganz anschließen. Meine Frau möchte immer, dass ich mit diesem oder jenem doch zum Arzt gehen sollte. Ich mache das nicht. Erstens, weil ich die Symptome nicht für schlimm halte und zweitens auch ein bisschen deshalb, weil ich ein Schisser bin. Generell habe ich – außer zu meinem Hausarzt – zu Ärzten im Allgemeinen ein sehr gespaltenes Verhältnis. Ich gehe nur dann, wenn ich akute Beschwerden habe und – wie ich dazu sagen muss – einsehe, dass es keinen Zweck mehr hat zuzuwarten.

    Ob die Zahlen so wirklich stimmen? Das muss ich mal checken. Da müssen wir uns echt über nichts mehr wundern.

  2. Ich verstehe, was gemeint ist. Dennoch nehme ich gewissermaßen eine konträre Position ein. Auch ich bin gegen unnötige Operationen, gegen die Einnahme immer mehr Medikamente. Ich sehe jede Nacht beim Stellen der Tabletten, was alte Menschen heutzutage meistens schlucken müssen. Daß jedes Zeitalter neue Krankheiten gebiert, zeigen die exponenziell sich entwickelnden Unverträglichkeiten gegen Gluten, gegen Lactose und die vielbeschworene ADHS. Im 19. Jahrhundert fiel man reihenweise in Ohnmacht. Die Hysterie war damals modisch. Im Krankenhaus gibt jeder zweite eine Penicillinallergie an. Es gibt also immer etwas, was man kritisch bedenken, was man hinterfragen muß.

    Aber erst zum Arzt zu gehen, wenn etwas weh tut, kann fatal sein. Mit meiner fast 28-jährigen Erfahrung in der Diabetologie muß ich sagen, daß der Diabetes eben deswegen so kreuzgefährlich ist, weil er oft nachlässig behandelt wird, eben weil zunächst nichts weh tut. Weh tut es erst dann, wenn der Fuß abgefault ist und amputiert werden muß oder man kurz vorm Erblinden ist, wenn die Nieren aussteigen, wenn einen die neuropathischen Beschwerden schier in den Wahnsinn treiben. Dabei ist die Erkrankung, wenn sie konsequent behandelt wird, in den Griff zu bekommen.

    Als Problem sehe ich, daß man als Laie gerade in der Medizin zu sehr dem Fachmann ausgeliefert ist. Medizin ist eine Maschinerie, aus der man sich, wenn man einmal hineingeraten ist, kaum noch befreien kann. Patienten, die Grenzen setzen, sind verpönt. Als in der Onkologie und Geriatrie Tätiger erlebe ich das. Wenn man stationär behandelt wird, gerät man in einen Kreislauf, der von systemimmanenten Erwägungen bestimmt ist (Fallpauschalen). Selbst ich als skeptischer und berufserfahrener Pflegender muß immer wieder gucken, was von dem, was man mit mir tun will, wirklich nötig ist. Im letzten Jahr wollte man mir mehr Igelleistungen unterjubeln als in allen Jahren meines Lebens als Patient zuvor.

    Bleibt zu hoffen, daß z.B. Foren weiterbestehen, die neu Betroffenen helfen und beraten. Bleibt zu hoffen, daß Fragende immer auf Bekannte und Freunde bauen können, die Ahnung von etwas haben und als Mittler zwischen Patient und der Therapeutenschar fungieren.

  3. Ich danke Euch für Eure Kommentare – ist ja eher selten heute, dass sich Leute noch die Zeit nehmen, IN BLOGS zu kommentieren!

    Horst und ich sollten die Warnungen von Markus ernst nehmen. Aber weiterhin skeptisch sein gegenüber der „Mühle“, in die man hinein gerät. Das Internet ist da echt ein Segen, bietet es doch die Chance, sich eigenständig zu informieren. Ärzte, die solchen „mündigen Patienten“ abweisend gegenüber treten, kann ich nicht mehr ernst nehmen. Selbst wenn man sich falsch informiert hat, sollte der Arzt sachlich mit seinen Infos und Argumenten dagegen halten – und nicht genervt sein oder auf seinen Status verweisen!

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