Claudia am 11. Mai 2017 — 5 Kommentare

Wenn das Alter die Vorstellungen vom Altern verändert

Auf „Beziehungsweise weiter denken“ schreibt Monika Krampl darüber, wie sich die 50-jährige das Altwerden vorstellte – und wie die 67-jährige es erlebt:

„In meinen Bildern vom Alter war ich immer unverändert unverbraucht, unversehrt und unangreifbar. In meinen Bildern und Vorstellungen, die ich mir im Zeitraum von meinem 40. bis 50. Lebensjahr ausgedacht hatte, ging ich von meinem damaligen Körper aus – meiner scheinbar unendlich kraftvollen Energie. Krankheiten kamen in meinen Bildern schon gar nicht vor. Als Berufseinsteigerin in meinen zweiten Lebens-Beruf als körperorientierte Psychotherapeutin ging ich von der Voraussetzung aus: Wenn ich nur alles richtig mache, passiert mir nichts. Das „alles“ waren die körpertherapeutischen Übungen (zum Beispiel nach Wilhelm Reich, Alexander Lowen etc). Mein absoluter Glaube: Wenn meine Energieblockaden gelöst sind und meine Energie frei fließen kann, werde ich nicht krank.“

Was folgt, ist zunächst der Bericht einer Ent-Täuschung: Der Körper verändert sich mit den Jahren, die Energie wird weniger – trotz der Übungen. Die Haut wird schlaff, allerlei Krankheiten finden sich ein, die Kräfte schwinden und sogar der Schaffensdrang wir weniger. Langsam zerbröckeln die einstigen Vorstellungen vom Alter angesichts einer weniger schönen Realität.
Glücklicherweise beschreibt Monika auch ihre „helle Seite des Alterns“:

„Wenn ich mir Zeit lasse und achtsam bin mit mir und meiner Umwelt, spüre ich Zufriedenheit und Glücksmomente. Über vieles. Auch und vor allem über Kleinigkeiten. Ich habe viel gelebt und erlebt – sehr viel. Viele Menschen suchen sich im Alter eine neue Aufgabe. Das ist gut so. Ich habe so viele Aufgaben und Fleißaufgaben erledigt, so viel gemacht und Verantwortung getragen, dass ich es mir erlaube, einfach nichts zu tun.“

Hinzu kommt eine recht positive persönliche Situation, ein Häusschen mit Garten in der Nähe ihres Sohnes, eine Pension – Existenzängste muss Monika nicht haben, immerhin!

Mich hat der Bericht berührt, denn es geht mir ein Stück weit ähnlich: Als ich nach Berlin zog und an der Uni einen Gymnastik-Workshop besuchte, wurde der von einer 80plus-Lehrerin geleitet. Sie war tatsächlich fitter als wir ungeübten Twentysomethings! So geht es also auch, dachte ich. Dachte aber nicht daran, dass Sport gerade NICHT mein Lebensinhalt war und auch niemals werden würde – ich war und blieb immer ein Sportmuffel, trotz verschiedener Versuche, das zu verändern. Und seit Mitte 50 muss ich auch feststellen, dass die Energie nicht mehr diesselbe ist, dass sich allerlei Zipperlein einfinden und bleiben, das der „Elan vital“ irgendwie nachlässt und ich nicht mehr alles anfange, was mir so als wünschenswertes Projekt durch den Kopf geht.

Ich könnte da detaillierter klagen, mache das aber nicht. Mache es auch nicht mir selbst gegenüber, weil es ja doch gar nichts bringt. Auch die Existenzangst lasse ich nicht an mich heran, obwohl ich weiß, dass ich mit „Grundsicherung“ die jetzige Wohnung nicht werde halten können, genauso wenig wie den Rest meines eher bescheidenen Lebensstandards. Gelassenheit muss ich nicht wirklich üben, sie ist – zumindest bis jetzt – einfach da. Wie es sein wird, wenn ich mal nicht mehr mit dem Rad 20 Minuten in den Garten fahren und dort arbeiten kann, will ich mir gar nicht erst ausmalen. Es reicht, sich mit den Schrecknissen auseinander zu setzen, wenn sie eintreten, denke ich mir.

Mal schauen, wie weit diese Art „Kunst des Alterns“ trägt.

Diskussion

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5 Kommentare zu „Wenn das Alter die Vorstellungen vom Altern verändert“.

  1. Das spricht mir alles wirklich aus der Seele.
    Es gibt tatsächlich Senioren, die mit 70 fitter sind, als manche 20jährigen. Vielleicht sind das Gene, vielleicht ist das auch eiserner Wille, dem alles untergeordnet wird.
    Mir hat beim Beialtern noch ein Unfall vor 3 Jahren geholfen. Seit dem bin ich nicht mehr so fit, wie zuvor. Denn überhaupt erholt man sich mit zunehmenden Alter auch schwerer, oder?
    LG Sabienes

  2. Ich denke, man muß rechtzeitig damit anfangen, ein energievolles Leben zu führen. Dann trägt einen diese Haltung wohl durch das Alter. So meine Vermutung.
    Das Gehirn wird durch Bewegung PLUS neue, geistige Interessen angeregt, siehe Kempernanns Buch z.b. , das ich auf meinem Blog besprach.
    https://kopfundgestalt.com/2017/05/12/gerd-kempermann-die-revolution-im-kopf/comment-page-1/

    „Sich regen bringt Segen“.
    Ich sehe es an einigen älteren Menschen als ich , die das Vergnügen haben, sich noch vielgestalt zu beschäftigen.
    Die Energie lässt also nicht nach …es sei denn, es quälen einen zahlreiche Zpperlein – aber selbst da sehe ich an manchen alten Menschen, daß sie sich davon nicht beeindrucken lassen!

  3. Doch, ich bin überzeugt, dass die Energie nachlässt – und es würde mich tatsächlich wundern, wenn dem nicht so wäre. Das Altern ist ein Vorgang des schwächer und weniger Werdens – was nicht heißt, dass das nicht lebenswert oder nur Leiden wäre. Unterschiede gibt es je nachdem, von welchem Level aus dieses Abnehmen beginnt und fortschreitet. Auch die 80plus-Gymnastik-Lehrerin, die mich mal so beeindruckt hat, war ganz gewiss in jüngeren Jahren fitter und stärker.
    Auch hat das eine geistige Seite, die wiederum mit Erfahrung zu tun hat. Wenn ich zigmal erlebt habe, wie mich Begeisterung und Neubeginne von irgend etwas, das mich gerade fasziniert, im Lauf nicht allzu langer Zeit in neue Routinen, Lasten und auch Frust-Erlebnisse verstrickt, dann neige ich dazu, im zunehmenden Alter diese Zustände einfach mal folgenlos vorüber ziehen zu lassen. Das ist auch eine Art „Gelassenheit“: man kann es auch lassen… was umso leichter fällt, wenn die Kräfte ein wenig nachlassen…

  4. „Unterschiede gibt es je nachdem, von welchem Level aus dieses Abnehmen beginnt und fortschreitet.“
    Das ist eine berechtigte Vermutung.
    Doch auch eine Vermutung meinerseits ist, daß bei manchen die Abwärtslinie eine recht schwache sein dürfte. Also fast eine Horizontale.
    Irgendwann gibt es dann auch bei diesen sicher den befürchteten Knick, das Wegbrechen der Möglichkeiten. Aber wann das sein wird?

  5. Vielen Dank für den interessanten Artikel, Claudia! Du schreibst unter anderem von der hellen und der dunklen Seite des Älterwerdens. Ich denke, dass Älterwerden IMMER Gewinne und Verluste einschließt – schon in der Kindheit, Adoleszenz, im jungen und mittleren Erwachsenenalter. Ab einem bestimmten Zeitpunkt (der individuell sehr verschieden ausfällt), überwiegen dann die Verluste, wenn sie nicht kompensiert werden.

    Zu meinen eigenen Erfahrungen passt das SOK-Modell von Paul Baltes sehr gut. (SOK: Selektion, Optimierung, Kompensation). Danach können Menschen auch zunehmende Verluste (langsameres Denken …) mit den Gewinnen (Weisheit, Gelassenheit …) so ausbalancieren, dass es ihnen gut geht. Wie? Indem sie drei Strategien anwenden:
    – Selektion (klarer Fokus auf wenige wichtige Ziele)
    – Optimierung (Verbesserung der Fähigkeiten – z.B. durch Lernen von Neuem) – Kompensation (Lesebrille, Unterstützer usw.).
    Solange wir mental fit bleiben, geht das hoffentlich auch bis ins sehr hohe Alter. Gut zu wissen, wie viel wir selbst in der Hand haben (alles natürlich nicht). Wie Gerhard schreibt, helfen Bewegung und geistige Tätigkeit. Außerdem gesunde Ernährung und Schlaf, Meditation, Austausch mit Freunden und Unbekannten. Mich hat das Buch „Die Entschlüsselung des Alters. Der Telomer-Effekt“ beeindruckt. Es stammt von der Nobelpreisträgerin Elizabeth Blackburn und zeigt, was wir tun können, um langsamer zu altern bzw. uns zum Teil sogar zu verjüngen. Macht Mut :-)

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