Von Altersweisheit und Verbitterung

Unter dem provozierenden Titel “Alter ist eine Illusion” bringt zukunftsinstitut.de ein spannendes Interview mit dem Psychiater Prof. Dr. Michael Lehofer über das Alter als Selbstkonstruktion, die wertvolle Erfahrung der Brüche im Leben – und das sinnliche Leben als wahren Sinn des Lebens.

Die Antworten von Dr.Michael sind etwas widersprüchlich, wie ich finde. Auf die Frage, ob wir uns denn das Alter nur einbilden, sagt er:

“Jedenfalls ist Alter und damit die Angst vor dem Alter eine Illusion. Es ist eine gesellschaftlich stabile Selbstkonstruktion, die sich nicht aufgibt oder aufgeben will. Das individuelle Alter ist Ausdruck der ständigen Selbstrekonstruktion des Egos. Ab dem Status des ausgereiften Gehirns ist der Mensch dazu fähig – und er konstruiert auch fleißig, immer nach dem höchst eigenen Schema. Ich würde sagen: Alter ist eine Frage der Haltung.”

Das werden vermutlich alle, die unter vielerlei Altersbeschwerden leiden, als eine ziemlich verstiegene Ansicht empfinden. Dennoch ist das Interview zur Gänze lesenswert, denn der konstruktivistische Ansatz ist gar nicht wirklich Thema. Es geht vielmehr um die Einstellung zum Leben, zum Altern und auch zum unvermeidlichen Tod, die einen großen Unterschied machen kann zwischen jenen, die verbittert sind und jenen, die weise werden:

“Das Leben kommt durch das Überleben. Wenn wir einsehen, dass der Überlebenskampf im Leben keinen Sinn ergibt, dann erst können wir unser Leben genießen. Wie ich schon vorher sagte: Dabei kommt es darauf an, wie man überlebt, wie man mit existenziellen Erfahrungen, mit existenziellem Scheitern umgeht. Verbitterung kommt aus dem Widerspruch zum eigenen Schema. Die existenziellen Erfahrungen werden gemacht, aber die Menschen öffnen sich nicht dazu. So bleibt man stehen. Die Weisen nehmen auch Einbrüche im Leben an und entwickeln sich weiter. Das macht nicht nur den Unterschied zwischen gelassen und verbittert, sondern auch zwischen alt und reif. Die Verbitterten sind zwar alt geworden, aber nicht reif.”

Wohl gesprochen! Hoffen wir, nicht zu verbittern und zumindest ein wenig weise zu werden!

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Warum alte Menschen feindseliger sind als andere

Diese Frage hat Wilhelm Heitmeyer vom Institut für Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld untersucht. Zunächst: Es simmt! Die Ergebnisse der Langzeitstudie “Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Deutschland” bescheinigen der Generation 65plus deutlich feindseligere Einstellungen als anderen Altersgruppen.

Zehn Jahre lang wurde die Entwicklung von Vorurteilen gegenüber sozial schwachen Gruppen wie Asylbewerbern, Langzeitarbeitslosen und Obdachlosen untersucht. Im Interview mit dem NDR berichtet Heitmeyer:

Wir haben festgestellt, dass die über 65-Jährigen sehr viel höhere “Abwertungswerte” haben als die mittlere oder jüngere Altersgruppe: Es zeigt sich etwas, was ich als “rohe Bürgerlichkeit” bezeichnen würde. Wer nicht Kriterien von Nützlichkeit, Verwertbarkeit und Effizienz erfüllt, wird abgewertet. Das trifft etwa gering Qualifizierte, Langzeitarbeitslose, Behinderte oder Obdachlose. Die “Generation 65 plus” ist also ein Stück weit feindseliger gegenüber diesen Gruppen als andere Altersgruppen. Diese Abwertungen findet man unter ihnen nicht nur in der sogenannten Unterschicht, sondern auch in elitären Clubs. Dabei geht die ältere Generation zwar nicht mit Gewalt vor, aber mit entsprechenden Worten und auch mit Geschrei wird gelegentlich nicht gespart. Das ist für uns vor dem Hintergrund einer alternden Gesellschaft ein bemerkenswerter Umstand, auf den man reagieren müsste. Aber das tut man nicht. Diese Gruppe wird ignoriert, obwohl sie in der Öffentlichkeit – zum Beispiel bei Pegida – sehr lautstark in Erscheinung tritt.

Und was sind die Gründe?

Als Ursachen für die feindseligere Einstellung der Alten führt nennt Heitmeyer mehrere Gründe:

  • Wenn nurmehr wenige soziale Kontakte bestehen, wirkt Fremdheit (Moscheen, Obdachlose..) irritierend.
  • Sehnsucht nach Ruhe und Ordnung
  • zunehmende Immobilität
  • Mangelnde Annerkennungsquellen, da Arbeit als Quelle der Bestätigung entfällt und auch Kinder oft nicht mehr vor Ort wohnen, also insofern ausfallen.
  • Nicht mehr Mitkommen in der schnell sich verändernden Welt
  • Fehlende “Stabilisatoren” wie Ehepartner, Verwandte, Freunde…

Heitmeier beklagt auch, dass sich niemand um die sich zuspitzenden Meinungen und Haltungen der Älteren und Alten kümmere:

“Um diese schleichende, verdeckte Feindseligkeit in Altenheimen – aber auch ganz normalen Familien – kümmert sich im Grunde niemand. Selbst dann nicht, wenn darauf hingewiesen wird, dass dort eine kritische Diskussion angefacht werden müsste. Aber Senioren sind eine sehr wichtige Wählergruppe und die Parteien scheuen sich, Veranstaltungen anzubieten, um kritische Debatten anzustoßen; etwa auch zwischen Jung und Alt. Die Parteien befürchten, diese Wählerschaft zu verlieren. Das ist schon ein ziemliches Problem.”

Nicht feindselig werden – wie schaffen wir das?

Auf die Frage, wie man es schaffen könne, im Alter nicht feindselig zu sein oder zu werden, weiß der Forscher allerdings keine Antwort, schließlich sei er kein “Gesellschaftsarchitekt”.

Muss man das sein, um hier Antworten zu finden? Immerhin ist Heitmeier selber stolze 71 Jahre alt. Dabei ließen sich doch einige Thesen aus den angegebenen Ursachen ableiten. Es braucht ganz offensichtlich “Stabilisatoren”, um nicht in miese Stimmungen, Ablehnung und Hass abzugleiten. Als alternder Mensch tut man sicher gut daran, nicht in Inaktivität zu verfallen, nur weil man “in Rente geht”. Das Wort “Ruhestand” bezeichnet eine falsche Entwicklung, denn “Ruhe” ist kein Lebensinhalt. Ein Ehrenamt oder ein Hobby, dass auch menschliche Kontakte mit sich bringt, ist gewiss hilfreich – und viele Alte machen das ja durchaus vor.

Bemerkenswert finde ich, dass die in der Studie festgestellte Ablehnung sich explizit gegen jene richtet, die die “Kriterien von Nützlichkeit, Verwertbarkeit und Effizienz” nicht erfüllen. Eine klassische Projektion: Was man bei sich selbst nicht sehen will, weil man es nicht akzeptieren kann, bekämpft man bei Anderen. Traurig, aber wahr. Allerdings kann man sich dieser psychischen Proszesse auch bewusst sein bzw. werden – und dagegen angehen!

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Mehr Altersdiskriminierung als wg. Geschlecht, Religion und Herkunft

Fast jeder dritte Mensch in Deutschland hat in den vergangenen zwei Jahren Diskriminierungserfahrungen gemacht, wie eine Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes ergab. Hier das Ergebnis für die Diskriminierungen am Arbeitsplatz:

Infografik: Vor allem Alters-Diskriminierung vor allem auf der Arbeit | Statista
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

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Ein lehrreicher Erstbesuch im Pflegeheim

Um halb drei nachmittags betrete ich das Pflegeheim, das erste, das ich von innen sehe. Ich besuche Frau M., die Verwandte eines lieben Freundes, die hier seit einigen Wochen lebt, nachdem sie im Anschluss an einen Krankenhausaufenthalt nicht mehr zurück in ihre Wohnung konnte. Das Pflegeheim macht einen sauberen Eindruck, im Eingangsbereich tönt leise Musik aus einem Radio – und so sieht es da aus:

Pflegeheim

Das Haus wirkt von der Einrichtung und den Räumlichkeiten her wie ein Krankenhaus mit etwas mehr Deko. Und mehr Ruhe, trotz der Musik. Vor dem weiteren Vordringen in das ziemlich unbelebt wirkende Gebäude dsinfiziere ich mir die Hände am dafür vorgesehenen Spender. An der Wand ein Schild: “Wir freuen uns auf Ihre Meinung!” und Formulare zum Ausfüllen. Weiterlesen

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Die Schönheit des Alters ist Harmonie

Ist das nicht ein wunderschönes Portrait? So würde ich als Hochbetagte auch gerne aussehen!

Und ich hab dabei an all die Frauen gedacht, die sich mit 40, 50, 60 im Gesicht herum schnippeln und spritzen lassen: Wangen polstern, Falten unterspritzen, Lippen aufplustern – wie das dann alles im höheren Altern nicht mehr zusammen stimmt! Weil ja alles Künstliche nicht mit altert, das Drumrum aber schon.

Diese alte Frau ist dagegen mit all ihren Falten schön – weil es eben harmonisch ist und passt!

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Altern – ein unvermeidliches Thema

In ihrem liebevoll aufbereiteten “Netzwerk” schreibt Maria vom “Unruhewerk” über mein 17 Jahre altes Hauptblog:

Das Themenspektrum ihres Blogs „digital diary“ ist wirklich breit. Aber eine Rubrik „Älterwerden“ sucht man bei der 1954 geborenen Webworkerin vergeblich- zumindest in diesem Blog. Zwar heisst dort eine Rubrik „Lebenskunst“, aber um das Älterwerden drehen sich auch manche Beiträge anderer Kategorien. Denn sie will (und kann) das Thema einfach nicht ausklammern (im Sinn von „freistellen“) – was ich gut verstehe. Also führt gar kein Weg dran vorbei: In ihrem Blog MUSS man stöbern!

Damit hat sich mich dazu motiviert, mal zu schauen, wie viele Beiträge rund ums Thema “Altern” es im Digital Diary eigentlich gibt. Es sind viele – hätte ich gar nicht gedacht! Statt eine Rubrik einzuführen, hab ich sie mal alle mit Stichwort ALTERN versehen – zumindest jene, die laut Titel irgendwas damit zu tun haben.

Alle Beiträge sind auch heute noch kommentierbar – grade ist das eher zufällig passiert unter dem Posting “Fünfzig”.

Wer also mag: hier gehts lang….

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