Claudia am 17. Oktober 2010 — 18 Kommentare

Es ist nicht bös’ gemeint!

Neulich in der Berliner Charité,  Virchow Krankenhaus, Augen-Ambulanz.  Ich muss viereinhalb Stunden warten und bin fast verdurstet, bevor mich endlich eine Ärztin empfängt. Frau Doktor – geschätzt Ende dreißig – wirkt ein wenig nervös. Ich darf mich setzen. Sie studiert die Kurzfassung meines Leidens, die meine Augenärztin mitgegeben hat und sagt:

„Darf ich Sie fragen, wie alt Sie sind?“
Sie flüstert es fast und schaut mich dabei an, als solle ich ihr eine ansteckende Geschlechtskrankheit beichten.
„Sechsundfünfzig!“ sag‘ ich fröhlich und lächle.
„Es ist nicht bös‘ gemeint“, fügt sie nun noch betretener hinzu, „wir müssen das halt fragen!“

Himmel, immer dann, wenn es wirklich angesagt ist, fallen mir keine wirklich spritzigen Sprüche ein! Immer erst im nachhinein. Aber was ich auch sagen würde: sie ist gefangen in ihrem Jugendwahn, in ihrer Angst vor dem Altern. Vermutlich schaut sie täglich besorgt in den Spiegel und überlegt, ob sie die ersten feinen Linien nicht doch weg-botoxen soll.

Einerseits tut sie mir leid, weil ihr mit dieser Einstellung eine gar nicht angenehme Zukunft droht. Andrerseits bin ich verärgert: Was fällt dieser Schnepfe eigentlich ein, mein Alter so mies zu machen? So zu tun, als sei es eine Katastrophe, über 50 zu sein? Wie kommt sie bloß darauf, anzunehmen, dass ich mich für mein nicht-mehr-jung-sein schämen könnte?

Andrerseits bin ich ihr DANKBAR! Sie hat mir den letzten Anstoß gegeben, dieses Blog zu beginnen.  Hier werde ich gegen die kollektive Neurose in Sachen „alt werden“ anschreiben! Gegen den Wahnsinn, das Altern als eine Art Krankheit zu betrachten, die man schamhaft verbergen muss, um nicht anzuecken. Gegen die Verrücktheiten, die aus dieser Bemäntelung, Verdrängung und Ignoranz entstehen. Hier wird es nicht um „Senioren“ oder „Golden Ager“ gehen, sondern um das ganz normale ALTERN. Um ältere Menschen, um alte Menschen – und um mein eigenes Erleben mit alledem.

Diskussion

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18 Kommentare zu „Es ist nicht bös’ gemeint!“.

  1. Wow Claudia – das freut mich aufrichtig, dass Du dieses Projekt nun doch aufgenommen hast: ich war schon ein bisschen enttäuscht, weil ich dachte, dass es zugunsten des anderen neuen Blogs fallen gelassen wurde…Viel Spass damit und rege Teilnahme von verschiedenen Seiten wünscht
    Mylo

  2. Hallo Mylo, freue mich, dass du hergefunden hast! (Hab die Kommentare grade erst „eröffnet“, ab jetzt gehts ohne Wartezeit!)

  3. 56 bin ich ja auch, Claudia, das weißt Du.
    Früher wurde ich oft jünger geschätzt (wobei der Anstoß des Geschätztwerdens nie von mir aus ging). Das schmeichelte mir oft, ergaben sich doch manchmal große Diskrepanzen zwischen dem eigentlichen Alter und dem geschätzten.
    Heutzutage passiert es mir dagegen, daß ich manchmal älter eingeschätzt werde als ich bin. Das tut mir aber kaum etwas. Ich denke mir: Du hast früher von der „Schwärmerei“ der Frauen profitiert – und nun werden halt knallhart und etwas überzogen die Fakten auf den Tisch gebracht. Aber: In der Tat muß ich nicht mehr jünger erscheinen als ich bin – und ein jeder kann im übrigen von mir denken, was er will.

  4. Wichtig fände ich auch, einen Literaturliste zum Thema zusammenzutragen und bereit zu stellen. Eben fiel mir der hervorragende Essayband „Älter werden“ von Silvia Bovenschen ein. Walter Vogts „Altern“ hatte ich woanders heute erwähnt. Usw.

  5. @Gerhard: mich hat mal ein Interviewer in der Fußgängerzone mit den Worten angesprochen: „Sie sind doch über 60?“ Ich schaute ihn entgeistert an, denn bisher hatte man mich auch eher jünger als älter geschätzt. Er bemerkte das, schaute mir prüfend ins Gesicht und meinte: „Nein, nein, Sie sind Anfang 50 – entschuldigen Sie! Ich gucke nicht mehr so genau, wenn ich das den ganzen Tag mache…“
    Damit hatte er richtig getroffen und ich war beruhigt. Und gleichzeitig belehrt: wie sehr ich mich doch auch in den Fängen der herrschenden Werte befinde! OBWOHL ich die in Bezug aufs Altern nicht teile und sogar bewusst kritisiere. In anderen Gesellschaften (z.B. Asien) wären die Menschen STOLZ, älter geschätzt zu werden.. schon irre!!

    @Markus: Ja, gerne eröffne ich eine Rubrik „Bücher“. Einige kann ich beisteuern, die ich mit Gewinn gelesen habe – aber viele sind das nicht. Und na klar, es könnte eine bloße Liste mit zwei drei Sätzen aus dem Klappentext sein, doch viel besser wäre, wenn das jeweilige Buch einen „Paten“ hätte, der es beschreibt und auch sagt, was er daran gut oder schlecht fand. Hättest du dazu Lust? Z.B. die beiden von dir genannten Bücher kurz oder auch länger zu beschreiben?

    @alle: Vorschläge zum Ausbau dieses Blogs passen besser unter das Editorial „Über dieses Blog“ – und sind richtig gerne gesehen!

  6. Zur Buchpatenschaft habe ich prinzipiell Lust, eine konstruktive Idee. In meinem Fall würde ich das als künftiges Projekt betrachten, d.h. beim nächsten thematisch passenden Buch. Denn ich müßte die vorgenannten nochmals lesen, wozu ich jetzt nicht komme. Davon abgesehen werde ich mal eine Literaturliste beginnen, sie in mein Wiki oder die Homepage stellen und den Link dann ggf. hier posten. (NB: Habe die Diskussion hier weitergeführt, nachdem ich nunmal offtopic hier begonnen habe)

  7. Vielleicht wurde die arme Ärztin auch nur schon zich mal angeblafft, warum sie nach dem Alter fragten würde, was das denn bitte schön mit dem vorgebrachtem Leiden zu tun habe und sie solle mal sehen, eines Tages wäre sie auch mal älter und und und – und das machte die Frau dann vorsichtig in ihrer Nachfrage und sie federte sie lieber gleich mal ab. Als Arzt im Krankenhaus ist man eh nicht an der lustigsten und lässigsten Arbeitsstelle…

    …und da war sie gar keine Schnepfe im Jugendwahn sondern nur eine von einer älteren Gesprächspartnerin missverstandene Frau, der man gleich einen ganzen Schoß Vorurteile über „junge gut ausschauende Ärztinnen“ auf den Tisch knallte.

    So wie ich immer über mich selber lästere: der erste, der in der Bahn für mich aufsteht, dem knall ich eine. So bekam gerade die Ärztin eine geknallt…

    Vielleicht…

  8. @Cräcker: aber nicht doch! Ich bin ganz freundlich geblieben – und hab sie ja auch nicht persönlich geoutet, sondern den Vorfall nur als ein Beispiel von vielen genutzt. Die von dir angeführten „Anblafferinnen“ würde ich genauso als „Opfer des Jugendwahns“ vorführen!

  9. Jaha, ne ;-) ich meinte es anders: Du hast ja hier dann doch etwas nachgelegt ihrer Person gegenüber, nur: hatte sie es denn so gemeint? Oder war sie eben nur einfach (über)sensibilisiert durch die Reaktionen anderer auf die Altersfrage. Und ist dann nicht Deine Mutmaßung über ja doch sehr ins persönlich gehende ihrer Person gegenüber eine Reaktion… ähem, des Alters? *duckt sich*

  10. Wir können beide nicht wissen, was diese Frau dazu getrieben hat, ihre Altersfrage in einer Manier vorzubringen, als frage sie mich nach irgendwas mega-peinlichem. Und ich seh es auch NICHT als meine Aufgabe an, ihre persönliche Geschichte zu hinterfragen, um mir ihr Verhalten zu erklären. Ich finde es einfach nur BESCHEUERT – und besser wär gewesen, ich hätte ihr das GESAGT!

    Evtl. muss ich noch ein bisschen älter werden, dann bring ich das auch punktgenau rüber. Jaaaa, ich will ’ne kantige Alte werden!

  11. Worauf ich hinaus wollte, und es vielleicht nur nicht richtig formuliert bekomme: Du unterstellst der Frau in Deinem Beitrag eine Menge, Ihrem Alter zuschreibende (und auch verletztende) Dinge aus einer Alters-Vorurteilskiste in einer Situation, bei der Du Dich wegen genau diesen Altersvorurteilen der Gesellschaft geärgert hattest. Und bedienst, in meinen Augen sogar weitaus mehr diese Vorurteilskiste, aus einer Reaktion, die, so vermute ich leise, etwas dann doch mit Altersbefindlichkeiten zu tun haben könnte. Jedoch weniger auf seiten der Ärztin.

  12. Nein, das ist KEIN Missverständnis: Du kannst es gern noch dreimal oder auch dreißig mal schreiben: ich bleibe bei MIR und meinem Empfinden und gebe dem hier Ausdruck! Das mag in deinen Augen Altersschrulligkeit sein, doch nehme ich mir das Recht heraus, primär bei der Sicht der Dinge zu bleiben, die meinem Gefühl in diesem Moment entsprach. Ich werde das auch nicht nachträglich „harmonisieren“ oder mir ein dreimal um die Ecke gedachtes „selber schuld“ ans Bein binden lassen. (Nicht ich hab mich hier Alters-abwertend verhalten, sondern sie). Allenfalls bin ich ihr nachträglich dankbar, dass sie mir den letzten Anstoß zu diesem Blog gegeben hat!

  13. Ja, wer nimmt Anstoß am Alter?
    Oft sind es die vermeintlich „Alten“, die sich verbergen wollen, weil sie ein Stigma zu tragen meinen. Die Ärztin hat wohl so manche Frau erlebt, die entrüstet oder irritiert war, nach dem Alter gefragt zu werden, so als wäre dieses Fragen ein heftiges Fauxpas.

    Vor einigen Jahren lernte ich im Urlaub eine junge Frau kennen, die sich „ständig“ als 29-Jährige outete – auch Jahre später. Ein hübsches Mädchen, im Wortsinne, und doch bedacht, nicht rauszurücken, daß sie vielleicht schon 35 oder gar 39 war.

    Ich selbst weiß, wie alt ich bin, erlebe aber immerzu auch, daß meine Umgebung garnicht „realisiert“, wie alt ich bin. So verwickelte ich mich unlängst mit jungen, unbekannten Leuten in einer Kneipe in Fachsimpelei über DJs, über sogennante Ghost-Mixe und welcher Mix gerade dope ist und dergleichen.
    Ich war in diesem Moment 25, so wie sie…und keiner hat das so richtig wahr genommen.
    Was ich sagen wollte: Es gibt auch eine richtig große Masse an Leuten, die „nicht werten“ oder höchstens situativ werten – bei denen Alter also ziemlich irrelevant ist.

  14. @Gerhard: ja, zum Glück gibt’s die auch! :-) Und SEHR interessant ist die Situation in der Netzkommunikation – sowohl, wenn man das Alter deutlich macht, als auch, wenn nicht. Darüber werd‘ ich mal einen extra Beitrag schreiben!

  15. Aber Claudia, ich spreche Dir doch gar nicht ab, das Du bei Deinem Empfinden bleiben sollst, zumal von uns beiden nur Du dabei warst.
    Ich lese eben nur: sie entschuldigt sich, ohne das wir wissen warum (Ich liege eben da bei Gerhards Vermutung), für eine Frage und Du bombadierst sie nachträglich mit einer menge schon recht harten Altersvorurteilen. Und ich wiederum denke mir dann: wer hat denn da mehr Schwierigkeiten mit dem Alter des anderen im nur durch den Beitrag erkennbaren Kontext.

  16. Claudia,

    als ich vor 30 Jahren ein „Bettelarmband“ aus meiner Kindheit trug, meinte ein Teenie zu mir: „Hast du das aus dem Antiquariat?“ und war erstaunt über die Antwort: „Hab ich zur Einschulung bekommen…“

    In China wurde ich nach meinem Alter gefragt (das war vor 18 Jahren) und als ich antwortete: „40“ wurde mein schon leicht ergrautes Haar staunend bewundert und die Antwort war eine positive: „So old!“ Dies zum Respekt vor dem Alter in anderen Kulturen!

    Ein frischeres nErlebnis hatte ich diesen Sommer, als meine „neue“ Schwägerin zu meinem Neffen bei unserem ersten Treffen flüsterte: „She looks so young! “ dabei humpelte ich permanent mit schmerzverzerrtem Antlitz ob meiner vergurkten Halux-Valgus-OP ;=)

    Wir haben alle unterschiedliche Vorstellungen vom Alter und erleben uns und unser Alter immer neu….
    ich kann es auch nicht glauben, dass das letzte aktive Jahr meiner Alters-Teilzeit nun beginnt.

    Alles Gute für dich und uns allen ein gutes Altern!

    Connie

  17. Eine wunderbare Idee für ein Blog; ich hatte schon selbst an so etwas gedacht. Ich bin 62 ;-)

  18. Dein Artikel ist gut wert Augapfel. Außerdem inspirierte mich sehr, sehr attraktiv ,das werde ich diese wieder zu sehen

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