Menachem am 01. März 2011 —

Vom Freitod und den Grenzen der Freiheit

Vielleicht mag auch hier der Wohlhabende einen größeren Entscheidungsspielraum haben als der normal „Sterbliche“. Das Ehepaar Brauchitsch konnte es sich jedenfalls leisten, wie die Tochter seinerzeit erklärte, zum für sie „geeigneten“ Zeitpunkt zu gehen, nämlich im September 2010.

Und ich?
1983 wechselte ich in die Selbstständigkeit. Nach Jahren des Aufbaus begann ich, für meine spätere Rente einzuzahlen. Zu dieser Zeit waren, wie für alle, die keinen Bock auf komplizierte Konstrukte hatten, die bevorzugten Modelle Lebensversicherungen. Ein großer Nachteil dieser Rentenmodelle für Selbstständige ist, das sie „beliehen“ werden können, was in sich schon ein Systemfehler ist. Denn genau diese Zielgruppe ist oft von einer stark schwankenden Liquidtität betroffen war und nicht immer stehen die Banken Gewehr bei Fuß, solche Phasen zu überbrücken. Nun, irgendwann war diese Rente also fort, was mir seinerzeit aber auch keine schlaflosen Nächte einbrachte.

Statistisch war es für mich als Raucher, Vielfahrer und Workaholiker sowieso eher unwahrscheinlich, jemals in den Genuss dieser Ansparung zu kommen. Überzeugt war ich davon, das es mir immer irgendwie gelingen würde, durchzukommen. Und sollte es dann eines Tages doch nicht mehr gehen, so würde ich mich dieser Situation neu stellen. Muss man unbedingt 81 und todkrank sein, wie das Ehepaar Brauchitsch, um sich dann für neue Wege zu entscheiden?

Warum wird man gezwungen, sich vom Hochhaus zu stürzen?

Doch wenn ich mich so umschaue, fällt mir nicht zum ersten mal auf, welche Schranken diesem eigenen Willen entgegen stehen. Menschen, unsäglich verzweifelt und müde, werden auf erbärmlichste Weise gezwungen, ihrem eigenen Wunsch und Willen über Leben und Tod nachzugehen. Sie springen von Hochhäusern, gehen ins Wasser, werfen sich vor Züge.

Viel wurde geforscht und unternommen, für die „schmerzlose Geburt“. Und der „schmerzlose Tod“? Wem gehört das Recht auf Leben?
Der Gesellschaft? Der Kirche? Dem Partner? Den Kindern? Mir?
Wo bleibt die Freiheit der eigenen Entscheidung, der Selbstbestimmung? Wurde sie uns geraubt, gab es sie nie? Oder rührt sie daher, das nie auf den „Zehnten“ verzichtet werden wollte, egal, unter welchen menschenunwürdigen Lebensumständen sie erarbeitet werden musste – zum Wohl der Höfe.

Ich kann viele Ge- und Verbote verstehen, wenn auch nicht alle, die das Zusammenleben in der Gemeinschaft regelt. Aber wieso lebe ich in einer Gemeinschaft, die mir die Umsetzung meiner eigenen Entscheidung zum Tod derart aufgibt, das meine Verzweifelung erst größer sein muss, als der Wunsch und der Mut zum Leben.

Schon als ich geheiratet habe, hatte ich die Option zur Scheidung. Eine Option zu haben ließ mich in meinem Leben oft erst den Weg gehen, ohne den ich nie den Mut gehabt hätte, ihn zu beschreiten. Es kam auch vor, dass die Option der bessere Weg war. Das ist der Sinn und Zweck einer Option.

Für das Recht auf Selbstbestimmung bis zum Ende

Ich bin fest davon überzeugt, das mit der Option zur Selbstbestimmung über sein Leben, in Form, Art und Weise und Dauer, die Menschen sehr viel sorgsamer umgehen, als die Gemeinschaft meint, sie müsste dieses Recht kollektiv bestimmen und verwalten und sich damit über die Selbstbestimmung und die persönliche Freiheit des Individuums stellen. Ich glaube, die Angst vor dem Alter würde vieles dann verlieren, wenn die Menschen sich nicht so hilflos der Fremdbestimmtheit ausgesetzt sehen, gerade im Alter. Wir haben auf unserem Lebensweg viele Entscheidungen aus freier Wahl getroffen und dann, am Ende des Weges, wenn diese Freiheit nochmals einen ganz besonderen Stellenwert erhält, wird sie uns versagt.

***

CK: Ich danke Menachem (Jg. 1952) für diesen nachdenkenswerten Gastbeitrag! Wer mehr von ihm lesen will, möge sein Blog „Gemeinsam leben“ besuchen, das ich als einen „ruhigen Ort“ im Web gerne aufsuche und schätze.

Diskussion

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4 Kommentare zu „Vom Freitod und den Grenzen der Freiheit“.

  1. Ich stimme dir 100%ig zu: es sollte ein Recht auf unterstützten Freitod geben, so dass sich niemand mehr von einem Haus stürzen muss. Allerdings braucht es vermutlich doch Einschränkungen. Denn: es wäre sicher nicht sinnvoll, auch dem 19-Jährigen mit Liebeskummer zum Sterben zu verhelfen, nicht wahr?

    Denkt man in diese Richtung weiter, landet man schnell in jeder Menge Probleme und Abgrenzungsbedarf – und versteht dann besser, warum es quasi ein „Totalverbot“ gibt. Bzw. das ist ja nicht mal der Fall: „Beihilfe zur Selbsttötung“ kann straffrei sein, wenn sie passiv bleibt und nicht aktiv wird (das wäre dann Tötung auf Verlangen). Mir also ein Mittel besorgen lassen – das ginge!

    Kürzlich sah ich die Dokumentation „Tod nach Plan“. Es war verstörend, wie sich der gesund wirkende 56-Jährige von seinen tief traurigen Freunden verabschiedete, bevor er mit Hilfe von „Exit“ in einer Sterbewohnung das Zeitliche segnete. Er hatte Depressionen und wollte keine weitere „manische Phase“ erleben – und das, obwohl er das mit Medikamenten schon über ein Jahr verhindert hatte.

    Ich würde das meinen Freunden nicht antun wollen. Bzw. erst gehen, wenn jeder Einzelne eingesehen hat, dass das Leiden jetzt unerträglich geworden ist… und dazu gehört, es auch zu zeigen und nicht immer weiter den Starken zu mimen.

    Ist man erstmal in der finalen Phase, wird die Beurteilung wieder einfacher, finde ich. Dann bin ich voll dafür, dass Ärzte den Sterbewunsch respektieren und auch dabei helfen – ohne die Angst, sich strafbar zu machen.

  2. Leider ist es ja so, dass nicht die Sorge um die verliebten Teenager, diese merkwürdige Ethik am Leben hält und den Menschen das Recht auf Freitod abspricht, sondern es sind Machtstrukturen.

    Die eine Richtung kommt von der angeblich christlichen, aber doch eher kirchlichen Seite. Die sehen ihre Schäfchen gerne in Abhängigkeit. Die andere Richtung kommt aus der Wirtschaft. Alte und kranke Menschen sind ein Wirtschaftsfaktor und dieser Wirtschaftsfaktor sollte doch nicht über sich selbst bestimmen können. Nicht solange nicht das System noch etwas Bruttosozialprodukt in die Höhe treiben kann.

  3. Ich stimme euch zu, aber mein Gedanke war immer eher, dass wir in unseren „zivilisierten“ Gesellschaften und gegen jeden Missbrauch, gegen jede „Falschhandlung“ oder was auch immer absichern wollen und dabei nicht merken, dass wir unser Lebenskorsett immer enger schnüren und somit allen mehr und mehr die Luft zum atmen nehmen. Man kann sich nie ganz sicher sein, dass Angehörige oder Pflegekräfte nicht jemanden schneller in den Tod befördern als dieser selbst es wollte – aber ich glaube wir unterbinden dass nicht dadurch, dass wir den Menschen einfach schlichtweg verbieten eine Entscheidung selbstbestimmt zu treffen, sondern indem man die Gründe warum Menschen dies machen(dem Tod nachhelfen ohne das der Betroffene dies wollte) versuchen zu beseitigen.

    Erinnert ihr euch noch an den Film Harald and Maut?
    Schon als junger Mensch fand ich die ENtscheidung von Maud bewundernswert und völlig in Ordnung.

    Was kann man tun um das Korsett wieder aufzuschnüren? Gibt es da Möglichkeiten?
    Angelika

  4. @Angelika: ständiges politisches Bohren, Fordern, Diskutieren, Publizieren – SO ändert sich bei uns was, wenn auch langsam.

    Ich persönlich bin FÜR Selbstbestimmung, aber gegen Freitod aus Eitelkeit oder aus der Unfähigkeit, Hilfen anzunehmen. Dass wir alle durchweg stark, gesund, fit und handlungsfähig, sowie möglichst 100%ig UNABHÄNGIG sein und bleiben wollen, sehe ich als Teil des Problems. Krankheit, Schwäche, Verfall der äußeren Attraktivität – all das sind zum Leben gehörige Erlebnisse, an denen man auch seelisch wachsen kann, anstatt sie um jeden Preis (!) zu vermeiden.