Claudia am 10. Oktober 2018 — 5 Kommentare

Alt werden: Gesundheit wird zur Arbeit

Nicht erst ab 60 lassen die Lebensenergien nach, den beginnenden Verfall bemerken schon Menschen ab 40, wenn man mal von der Panik über die nicht mehr ganz so jugendfrische Optik absieht, die heute schon Twentysomethings umtreibt.

In den 50gern wird es dann wirklich real: Immer häufiger stellen sich „Zipperlein“ ein, die nicht mehr einfach so wieder verschwinden wie früher. Ja, früher – erst in der Rückschau wird erkennbar, was für ein großes Wunder so ein jugendlicher Körper ist! Was man da alles locker weggesteckt hat: Partys bis in den Morgen, Arbeiten bis tief in die Nacht, vielerlei Stress und jede Menge Anstrengungen, die komplett folgenlos blieben – auch ohne gesunde Ernährung und Fitness-Center.

Was dann kommt, wird mehr und mehr zur Arbeit: Bluthochdruck ist ein Massenphänomen bei älteren Menschen und wird zum Einstieg ins „Tablettenwesen“. Man wird „eingestellt“ und sucht nach Möglichkeiten, den Bluthochdruck „natürlich“ zu senken: salzarm essen, mehr Bewegung – und natürlich regelmäßig Blutdruck messen und die Tabletten nicht vergessen. Glück hat, wer nicht allzu lange Zeit braucht, um zu einer nebenwirkungsfreien Wirkstoffkombination zu kommen. Auf jeden Fall ist es ein Umbruch: auf einmal ist man „Patient“, ist nicht mehr unabhängig, sondern bei Strafe eines hohen Risikos dazu verpflichtet, die Tabletten zu nehmen und möglichst viel zu tun, um auch „natürlich“ den Blutdruck „im Griff zu halten“.

Für viele ist das nur der Einstieg: Alte Menschen nehmen oft bis zu 10 Tabletten und mehr pro Tag. Gruslig die Vorstellung, dass da auch mal die Versorgung zusammen brechen könnte! Zudem schlagen Ärzte nun ständig allerlei Untersuchungen und CheckUps vor, es könnte ja noch dies und das vorliegen, besser man erkennt es rechtzeitig. Oder?

Viele Ältere fügen sich in diese neue Arbeit am Erhalt der Gesundheit, andere schwächeln in Sachen „Compliance„, wie man die Mitwirkung an den jeweiligen Therapien neudeutsch nennt. Kein Wunder, denn die Vorstellung, nun lebenslänglich unter dem medizinisch-therapeutischen Regime zu leben, macht nicht unbedingt Freude. Und – je nachdem, wieviel chronische Krankheiten angesammelt wurden – kostet das auch Zeit, macht Arbeit, erfordert einen anderen Lebensstil, was nicht „mal eben so“ zu leisten ist.

Entscheide selbst!

Bei alledem gerät oft aus dem Blick, dass wir selbst es sind, die sich zu jedem einzelnen Schritt in Richtung „therapiertes Leben“ entscheiden müssen. Kein Arzt kann uns zu irgend etwas zwingen und der Verweis auf dieses oder jenes Risiko sagt nur: Wir müssen dieses Risiko selbst abwägen!

Einem meiner Freunde wurde beim Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben Prostatakrebs diagnostiziert. Er ließ sich zwar operieren, verweigerte aber die üblichen Folgebehandlungen (Chemo, Bestrahlung, Hormongaben), die ihn evtl. inkontinent und impotent gemacht und körperlich auf wenig schöne Weise verändert hätten. Die Ärzte konnten es nicht fassen, doch er blieb dabei und meinte, er habe sein Leben gelebt und sei jederzeit zum Abtreten bereit. Aber eben nicht bereit als Dauerpatient unter Hormonen zu leben, die aus ihm einen Anderen machen. Das ist nun 6 Jahre her und zum Erstaunen der Ärzte lebt er seither unbeschwert weiter – ein „Wunder“ aus Ärzte-Sicht und sicher nichts, worauf Mann sich verlassen kann! Aber eben auch Ergebnis seiner individuellen Entscheidung, dem „Risiko“ nichts entgegen zu setzen und so weiter zu leben wie bisher.

Ich selbst nehme brav meine Bluthochdruck-Tabletten und bemühe mich um „mehr Bewegung„. Aber ich renne nicht zu diesem und jenem Arzt, nur um irgendwelche CheckUps machen zu lassen, weil das in meinem Alter halt so empfohlen wird. Immer noch lebt in mir die alte Denke: Ich gehe zum Arzt, wenn was ist… Mag sein, dass das meine Risiken erhöht, doch ist nicht das ganze Leben ein ständiges Risiko?

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Diskussion

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5 Kommentare zu „Alt werden: Gesundheit wird zur Arbeit“.

  1. Ich lebe konsequent inkonsequent. Vor allem seit ich in Rente bin bewege ich mich viel zu wenig. Mein Arzt hat mich ermahnt, endlich mal wieder in die Praxis zu kommen. Blut, Urin das ganze Programm. Das ist schon wieder 2 Monate her. Ich bin leichtsinnig, sagt auch meine Frau. Aber das eigene Verhalten zu ändern, ist nun einmal das schwierigste überhaupt.

  2. Ich bin durchaus ein Verfechter von Vorsorgeuntersuchungen. Wenn man Menschen, die deutlich jünger als man selbst ist, krepieren sieht, sieht man es zumutbare Belastung an, sich alle paar Jahre mal darmspiegeln zu lassen, dem Urologen die große Hafenrundfahrt zu genehmigen oder alle sechs Monate den Blutzucker zu checken. In der DDR gab es die segensreiche Praxis des Volksröntgens. Ein minimales Desiderat: Geht bei komischen Beschwerden zum Arzt. In der Onkologie erlebte ich Patienten weit jüngeren Alters als ich, die starben, weil sie Symptome ignorierten.

  3. @Horst: ja, das ist meist die eher „männliche“ Herangehensweise, zu der ich auch neige. Aber ich bemühe mich immerhin um mehr Bewegung… wenn du da mal rum experimentierst, könntest du dir evtl. auch neue Freuden erschließen!

    @Markus: kann ich gut verstehen, wie du die Dinge siehst – bei deinem Beruf direkt an der Front! Allerdings gibt es da ja auch Gefahren: bei einer von 1000 Darmspiegelungen soll der Darm perforiert werden, hab ich mal gelesen. Auch die vielen falsch positiven Ergebnisse diverser Checkups (mit Folgen bis hin zu Ops, z.B. bei Brustkrebsverdacht machen nicht unbedingt Lust auf das Risiko). Und wie viele Männer werden zu übergewichtigen „stiernackigen Eunuchen“ (wie mein Freund es nennt), obwohl diese Behandlungen nicht zwingend erfolgreich sind und – wie man an ihm sieht – viele Jahre gesunden Lebens kosten?

  4. Die Brustkrebsvorsorge ist umstritten; bei ihr kenne ich mich zu wenig aus. Genetische Dispositionen sollten unbedingt berücksichtigt werden. Sowas weiß man in der Familie ja, wenn vermehrt bestimmte Krankheiten aufgetreten waren. Wir hatten gerade wieder so einen Mann: 36 Jahre, unheilbarer Magenkrebs, und zwei Verwandte, die auch daran gestorben sind.
    Diabetes ist am einfachsten: ein kleiner Pieks zweimal im Jahr in jeder Apotheke zu haben. Eine der schleichendsten und verheerendsten Zivilisationseuchen.

    Darmperforationen: Nunja, das ist wie mit der Impfdebatte. Es gibt Risiken. Aber Darmtumoren sind eine der am häufigsten auftretenden Krebsarten. Und nicht jede Darmperforation bedeutet gleich Tod. „Eine Auswertung von 2,8 Millionen Vorsorgekoloskopien ergab eine Komplikationsrate dieser invasiven Untersuchung, die um den Faktor 10 niedriger liegt als bei der diagnostischen bzw. therapeutischen Koloskopie. Das Risiko, eine Darmperforation zu erleiden, lag bei 0.002 %, die Letalität betrug 1 auf 500.000 Untersuchungen.“

    Der Hautcheck ist wohl die glimpflichste Vorsorgevariante und, wenn man denn mal einen Termin bei einem Hautarzt ergattert hat, rasch abgehakt.
    Gegen Pankreas- und Bronchialkarzinome sind bislang AFAIK kein Kraut gewachsen. Solche Patienten bevölkern denn auch hauptsächlich unsere Station. Das ist dann eher ein Sache von Monaten. Bleibt aber zu hoffen, daß immer mehr Früherkennungen möglich werden durch immer weniger aufwendige Untersuchungen, am besten durch Serologie, so wie es bei schlimmen Krankheiten wie der MS mit Riesenschritten voran geht.

  5. Bewegung gehört bei mir (wieder) zum Leben dazu. Zwar nicht so zwanghaft, wie vor knapp 3 Jahren, als ich hauptsächlich damit 29 kg verlor, aber Bewegung ist Freude – so war es mit 30, so darf es mit 64 sein.

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