Claudia am 18. Juni 2011 —

Wem nützt Altersweisheit? Gibt es sie überhaupt?

Dieses Thema ist ein bisschen schwierig, denn wer darüber aus subjektiver Erfahrung schreiben wollte, müsste sich einerseits zum „alt sein“ bekennen (und wer will das schon?), andrerseits allen Ernstes von sich selbst behaupten, weise zu sein. Beides Peinlichkeiten, die man sich – eitel und bescheiden zugleich – dann doch lieber erspart.

Ich nähere mich der Altersweisheit also besser über den Anlass, der mich dazu bewegt hat, nach deren Sinn und Nutzen zu fragen. Als ich gestern das neue WEGE-Magazin („Österreichs größtes Magazin für ganzheitlich denkende und handelnde Menschen“) für mein Lustgespinst-Blog rezensieren wollte, fiel mir auf, dass all die Weisheiten, die da über „Männer & Frauen“ zu lesen waren, von Menschen im vorgerückten Alter stammten. 48 und 49 Jahre hatten die beiden jüngsten Autoren schon auf dem Buckel, zwei weitere sind in den Fünfzigern, die Mehrheit hat die 60 deutlich überschritten.

Ein zahnloser Mund hat nicht das Recht zu jeder Wahrheit
– Nietzsche –

Alle schreiben sie über Männer und Frauen, über Sex, Beziehung, Geschlechtsrollen und, und, und… – und haben die „heiße Zeit“ doch selber lange hinter sich. Wenn die Hormone nicht mehr treiben, lässt sich leicht weise Reden schwingen! Aber: Wie relevant sind derlei Erkenntnisse späterer Jahre für Jüngere? Zum Beispiel ein „Loblied auf die Impotenz“ als Plaidoyer für entschleunigten, gemächlichen, herz-zentrierten Sex: verhilft das einem Mann in den Zwanzigern und Dreißigern tatsächlich zu mehr Gelassenheit?

Auch ganz unabhängig vom Geschlechterthema stellt sich die Frage, was eine Generation der anderen überhaupt jemals nützen kann. Wer schon alles erreicht hat, was individuell zu erreichen war, steht anders im Leben als jemand, der erst noch vom jungen Niemand zum JEMAND werden will. Wer durch eigenes Scheitern „geläutert“ ist, wird dennoch kaum Jüngere davon abhalten können, für ein begehrtes Ziel den persönlichen Burnout zu riskieren – und wenn doch, wäre das denn wirklich GUT?

Man sieht heute keine „zahnlosen Münder“ mehr, denn Brücken und Implantate geben jedem schon völlig zerbröckelten Gebiss den Anschein jugendlicher Perfektion. Das Spiegelbild zeigt uns gottlob nicht „die Wahrheit“ – und vielleicht täuschen wir uns ja in ganz ähnlicher Manier über den Stellenwert unserer Erfahrungen und Weisheiten.

Was aber wäre dann die Konsequenz? Verstummen?
Die Frage, wem die Altersweisheit nützt, lässt sich immerhin mit einem anderen Zitat beantworten, von dem ich leider vergessen habe, von wem es stammt:

Das Leben ist eine Lehre, mit der man, wenn man sie endlich gelernt hat, nichts mehr anzufangen weiß.

Diskussion

Kommentare abonnieren (RSS)
9 Kommentare zu „Wem nützt Altersweisheit? Gibt es sie überhaupt?“.

  1. Ich finde es jetzt, im Vorgreisenalter prima, daß ich als Junger mich zwar für altersweise Schriften interessiert habe aber in der Praxis dann doch lieber unweise, zweckfreie und lustgesteuerte Sachen gemacht, gefeiert und gelitten habe, auf denen nun meine Erfahrung aufbaut und die meine Erinnerung füllen. Ich bin deshalb nicht besonders erpicht darauf, meine „Altersweisheit“ an jüngere „weiterzugeben“, es sei denn, jemand will es wissen. ;)

    Zum Verstummen sehe ich aber auch keinen Anlass, solange es noch Freude macht, hier und da etwas „Weisheit“ abzusondern. Sollen doch die Rezipienten auswählen, was sie brauchen oder ertragen können. Ich bin zuversichtlich, es findet irgendwie zusammen was passend ist.

  2. Aus der wikiquote, Rubrik: Weisheit

    „Es ist nicht weise, das zu verteidigen, was man ohnehin aufgeben muss.“ – Niccolò Machiavelli

  3. @Uwe: so gehts mir in Summa auch. Hach, und WIE VIELE weise Schriften hab ich doch in jungen Jahren verschlungen! Ganze Regalmeter mit Erkenntnissen, die ich erst post 40 ansatzweise verstehen konnte…. (wirklich „weise“ Bücher sagen immer noch etwas MEHR, wenn man sie in Abständen von 10 Jahren wieder liest);

    @Menachem: Hm – sagte Macchiavelli, der halt alles bestimmten, manipulativen Zwecken unterordnete. Selber bin ich schon dafür, die Gesundheit, das Leben, die Selbstbestimmung und vieles mehr zu „verteidigen“, so lange es eben geht. DAS ist doch gerade Leben: sich eben NICHT widerstandslos ins Sterben zu schicken!

  4. Scheint mir, war wohl nicht so gut, mit dem Machiavelli :)
    Doch ich dachte mehr im Sinne des Loslassens, z.B. dem Begriff der „Jugend“.

  5. Selbstverständlich gibt es die Altersweisheit und sie nutzt
    dem der sie erfahren darf.
    Die Altersweisheit zählt zu den schönsten Empfindungen,
    die das Alter bereit hält. Sie beflügelt das Lebensgefühl
    wie das erste Liebesglück in jungen Jahren. Unterliegt
    damit allerdings auch der Schwerkraft, die überschäu-
    menden Glückgefühlen zu eigen ist.
    Wer Altersweisheiten in vermittelbare Vorgaben fassen
    will, wird letztlich nur profan subjektive Meinungen
    produzieren. Es ist dann wie immer im Leben, Sender
    und Empfänger sind in den seltensten Fällen auf die
    gleiche Frequenz zu regulieren.

  6. ..“sie nutzt dem der sie erfahren darf“.
    Ja, wer darf und kann sie denn erfahren? Und woraus besteht sie eigentlich genau? Was versteht man also letztlich unter Altersweisheit?
    Viele der Altersweisheits-Attribute wie womöglich „Gelassenheit“, „Weitsicht“ ect wären durchaus auch im jüngeren Alter „zu haben“. Das Hineinregnen der Hormone wird’s sicher nicht grundsätzlich verhindern…oder?

  7. @Manfred: sehr schön poetisch gesagt, danke! :-)

    @Gerhard: wenn ich so zurück schaue, kann ich jetzt schon feststellen, dass das „Hineinregnen der Hormone“ im Lauf des Lebens doch EINIGES ganz gewaltig hat anders aussehen lassen als heute! Da waren die Dinge eben nicht anders zu sehen/zu haben, denn ich war viel identifizierter mit ganz bestimmten, erdachten Vorstellungen über mich selbst und die Welt. Gefühle und Emfpindungen fühlten sich ganz grundsätzlich heftiger an: z.B. schaffte ich mit 28 den Ausstieg aus dem Rauchen keinen Tag – heute ist es vergleichsweise leicht.

    Aber Vorteil ist Nachteil und umgekehrt. Jedes Alter hat sein durchaus typisches Plus-und-Minus. Deshalb ist meine eigene Antwort: ja, es gibt Altersweisheit, genau wie es auch „typisch jugendliche“ Eigenheiten gibt. Neben die Altersweisheit tritt z.B: die jugendliche Begeisterung einerseits und der Altersstarrsinn andrerseits.

    Ist man sich all dessen bewusst, schafft man es vielleicht besser, sich jederzeit mit allen verbunden zu fühlen – seien sie auch noch so schräg drauf, durch die aktuelle persönliche Brille betrachtet.

  8. Ich denke schon, dass es Alterweisheit gibt,wenn auch nicht bei jedem.
    Aber mal so gefragt muss sie denn jemandem „nütze“ ?!
    Sicher ist man als reiferer Mensch bisweilen geneigt seine Erfahrungen an andere weitergeben zu wollen und ich finde das kann man auch ineinem gewissen Maße und mit viel Feingefühl (dank der Altersweisheit) tun, wenn ein jüngerer Mensch das möchte (unsere Kinder fragen wir ja oft nicht). Aber wir sollten auch akzeptieren, dass sie dann doch anders handeln, denn das ist ihr gutes Recht (haben wir das nicht genauso getan, auch wenn wir heute vielleicht bei dem einen oder anderen sagen sie hatten doch recht ;-) ). Zum Schluß finde ich es für einen selber sehr angenehm Altersweisheit zu haben, es macht einem manchem gegenüber gelassener, versöhnlicher und teilweise auch experimentierfreudiger, da man ja weiss die Welt geht nicht unter wenn was schief läuft.
    Also ich finde Altersweisheit klasse, auch wenn manche sie einem ungefragt aufdrängen-dann reagiere ich altersweise und denk mir meinen Teil.
    Angelika

  9. […] spricht, die in der Morgenzeitung stehen. Werner rastet dennoch aus, da schützt ihn keine Altersweisheit. “Ich hab’ gedacht, wenn man 30 Jahre zusammen lebt, kann man über sowas […]